Geschichte authentisch „erinnern“? – Narrative Adventures über den ersten Weltkrieg [Gastbeitrag aus GAIN #8]

Den folgenden Artikel habe als Gastbeitrag für Ausgabe #8 des GAIN Magazins geschrieben, welches Ende des letzten Jahres erschien. Insofern nicht wundern, wenn die Daten nicht mehr so ganz stimmen! Wer sich die volle Ausgabe inklusive weiterer sehr lesenswerter Artikel u.A. zum Ersten Weltkrieg als Nachdruck besorgen möchte, kann dies hier tun. 🙂

Ein Besuch bei den Großeltern war in der Kindheit immer eine schöne Sache: Oftmals gab es leckeres Essen, man durfte länger aufbleiben oder sich Geschichten von früher anhören. Während die ersten beiden Punkte hierbei unabhängig von den Großeltern für Freude sorgten, hing es bei den Erzählungen von früher immer von verschiedenen Faktoren ab, ob diese nun unterhaltsam waren oder nicht. Denn auch wenn Kinder relativ neugierig sind, so würde eine reine Aufzählung von vergangenen Ereignissen doch schnell langweilig werden. Da bedarf es schon dem ein oder anderen Kniff in der Erzählung sowie einer gehörigen Portion Emotionen, um glaubwürdig zu vermitteln, wie es damals war. Denn gerade Kinder können sich durch ihre lebhafte Fantasie mit der richtigen Erzählung schnell in die ihnen präsentierte Welt hineinfühlen, wodurch wiederum ein Interesse an der Vergangenheit entsteht. Übertragen wir nun dieses Konzept ein paar Jahre aus der Kindheit heraus und blicken auf unsere Spiele-Bibliothek, so werden wir sicherlich zahlreiche Spiele finden, die ebenfalls „von der Vergangenheit“ erzählen.

Unabhängig von Epoche oder Genre versuchen nämlich auch historische Videospiele, „ihre“ erzählte Welt möglichst interessant zu machen. Dabei spielt vor allem die Tatsache eine Rolle, dass sich der Spieler emotional in das jeweilige Szenario hineinversetzen soll. Nur so wird er auch vom Spiel selbst mitgenommen und kann die von den Entwicklern intendierte Stimmungswelt aufnehmen. Natürlich ist eine stimmige Welt nicht immer nur mit einer emotional erzählten Geschichte verbunden, gerade Strategiespiele leben dann doch eher von Gameplay oder den Szenarien. Aber das mittlerweile sehr beliebte Genre der narrativen Spiele zeigt, dass es ein großes Interesse daran gibt, in gut erzählte Welten einzutauchen.

Das am 9. November dieses Jahres erschienene narrative Adventure 11-11: Memories Retold will ebenfalls in diese Fußspuren treten und hat sich dabei für ein Thema entschieden, welches schwieriger nicht sein könnte: den ersten Weltkrieg. Ein Krieg, der sich durch seine festen Fronten, durch seine gewaltige Anzahl an Opfern und durch seine aufkommende Verzweiflung und Kriegsmüdigkeit fest in das europäische (und weltweite) Gedächtnis gebrannt hat, auch wenn er lange Zeit durch den zweiten Weltkrieg bezüglich der kollektiven Erinnerung zurückfiel und weniger wahrgenommen wurde. Passenderweise erscheint dieses Spiel fast genau 100 Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges, wobei damals wohl niemand gedacht hätte, dass man sich ein Jahrhundert später an Spielen über diesen Krieg erfreut.

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Eine Besonderheit von 11-11: Memories Retold ist der Zeichenstil, welcher an ein Ölgemälde erinnert. Durch diesen soll die besondere Atmosphäre des Spiels noch stärker hervorgehoben werden.

Von Erzählungen und Erinnerungen über den ersten Weltkrieg

Das Datum des 11.11. im Titel ist dabei nicht ohne Grund gewählt. Was wir heutzutage allgemeinhin mit dem Beginn des Karnevals verbinden war vor 100 Jahren der Tag, an welchem mit dem Waffenstillstand von Compiègne der erste Weltkrieg beendet wurde. Ihr wisst schon, der Vertrag im Eisenbahnwaggon! 11-11: Memories Retold nutzt diese historische Ereignis dabei als Aufhänger, um die Geschichte zweier „Teilnehmer“ dieses großen Krieges zu erzählen: Zum einen die eines kanadischen Fotografen, der auf Seiten der amerikanischen Truppen kämpft, zum anderen die eines deutschen Mechanikers, der seinen Sohn an der Front sucht. Beide Perspektiven bieten den Spielraum für eine emotionale Story, auf welche das Spiel auch bewusst abzielt: This is the moving story of the end of World War One wie das Spiel von sich selbst sagt.

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Ein Wagen mit Geschichte: Die im Wagen von Compiègne unterzeichnete Kapitulation des Deutschen Reichs stellte eine so große Schmach im deutschen Selbstverständnis dar, dass Hitler nach dem Sieg über Frankreich 1940 befahl, die französische Kapitulation in genau diesem Wagen unterzeichnen zu lassen.

11-11: Memories Retold ist dabei nicht das erste Spiel, welches sich daran versucht, ein narratives Adventure im ersten Weltkrieg anzusiedeln. Bereits 2014 (100 Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkrieges, welch Zufall!) erschien mit Valiant Hearts – The Great War ein von Ubisoft Montpellier entwickeltes Spiel, welches diese Epoche in einem anderen Genre als Ego-Shooter und Strategiespiel ansiedeln sollte. Das Spiel selbst fokussiert sich vor allem auf seine Geschichte (bei einem narrativen Adventure auch nicht überraschend), der spielerische Aspekt ist durch kleine Rätsel und Quick-Time-Events eher ein Beiwerk. Wichtig ist es dem Spiel, den Spieler auf eine emotionale Reise über die Schlachtfelder des ersten Weltkriegs mitzunehmen, welche auch hier aus der Perspektive von vier unterschiedlichen Personen erzählt wird. Die Botschaft des Spiels könnte dabei direkt aus dem Vorbild der Erzählungen über den ersten Weltkrieg schlechthin kommen: Im Westen nichts Neues. Der 1928 erstmals erschienene Roman und die zwei Jahre später veröffentlichte Verfilmung mit demselben Titel prägen bis heute das Bild dieses großen Krieges: Nicht das heldenhafte Kämpfen (und Sterben!) fürs Vaterland, sondern der alltägliche Kampf ums Überleben steht hier im Vordergrund. Ähnlich wie dort Paul Bäumer wird dem Spieler durch die personalisierten Schicksale die Sinnlosigkeit des Krieges im Verlauf des Spielens deutlich.

Um die vom Spiel intendierte Atmosphäre auch möglichst gut einzufangen, bedient sich Valiant Hearts – The Great War verschiedener Stilmittel. Eines davon sind die sogenannten Sammlerstücke, welche spielerisch zwar keine Bedeutung haben, dafür aber für die Atmosphäre ungemein wichtig sind. Denn oftmals finden sich hier Briefe oder andere Schriftstücke, die direkt auf Originalquellen aus dem ersten Weltkrieg zurückgehen. Das Lesen eines „echten“ Tagebucheintrags oder Briefs verstärkt die emotionale Bindung des Spielers zum Geschehen noch einmal, da sie beim Spieler gezielt Mitgefühl für die erlebten Ereignisse hervorrufen.

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In Valiant Hearts findet man viele solcher Originalbriefe, die bewusst in die unterschiedlichen Stadien des Spiels eingegliedert werden: Während sie zu Beginn noch euphorisch sind, findet man schnell nur noch Briefe mit der oben gezeigten Botschaft von Angst und Verzweiflung.

Somit stellt das Simulieren von Erinnerungen einen zentralen Bestandteil solcher narrativen Adventures in historischem Setting dar, was 11-11: Memories Retold wiederum auch in seinem Namen betont: Hier wird nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern es werden Erinnerungen nacherzählt, was es dem Spieler ermöglicht, sich emotionaler in die erzählte Geschichte einzufügen. Denn schließlich ist sie ja auch so passiert. Oder?

Den Spieler Vergangenes „erinnern“ zu lassen, was er gar nicht miterlebt hat, ist dabei eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Denn wahrscheinlich werden 11-11: Memories Retold oder Valiant Hearts – The Great War eher weniger von Teilnehmern des ersten Weltkrieges gespielt werden. Dass es solche Spiele trotzdem schaffen, liegt am gezielten Spielen mit den Vorstellungen der Spieler über den ersten Weltkrieg und Krieg generell. Er wird sich nicht an den Krieg selbst erinnern, sondern an all die Momente, in denen er etwas darüber gelesen oder gesehen hat: Filme, Bücher oder eben der Schulunterricht. Darauf folgt ein Abgleich, ob das Gespielte als „authentisch“ wahrgenommen wird oder nicht. Gerade die Frage nach der Authentizität spielt für das Spielerleben eine große Rolle, auch wenn sie eigentlich irreführend ist.

„Authentisches“ Nacherleben?

Spätestens seit dem Erscheinen von Kingdom Come: Deliverance in diesem Jahr ist die Frage nach der Authentizität von historischen Videospielen nämlich allgegenwärtig. Mit dem fast schon aggressiv vorgetragenen Anspruch, die dortige Spielwelt sei „historisch korrekt“ sei, sorgten die Entwickler dafür, dass viele Spielemagazine Historiker heranzogen, die als Experten den „Grad“ der Authentizität bewerten sollten. Ohne hier genauer auf die einzelnen Punkte eingehen zu wollen, entwickelte sich dadurch eine Anspruchshaltung an historische Spiele, die diese eigentlich nicht erfüllen können. Denn die Frage nach historischer Authentizität lässt sich nicht beantworten. Im Endeffekt sind alle historischen Bilder immer nur Darstellungen ihrer jeweiligen Zeit: Sie orientieren sich (optimalerweise!) am aktuellen Forschungsstand, aber der kann in einem Jahr auch schon wieder ganz anders aussehen. Kingdom Come: Deliverance zeigte also nicht „das Mittelalter“, sondern eher, wie sich ein Entwicklerstudio aus dem Jahr 2016 das Mittelalter vorstellt. Dasselbe Prinzip greift dabei bei allen historischen Videospielen, auch bei 11-11: Memories Retold. Hier erlebt der Spieler nicht den ersten Weltkrieg nach, sondern eine Geschichte innerhalb dieses Krieges, basierend auf den Vorstellungen der Entwickler von Aardman Animations und Digixart. Solche Spiele sind also keine Re-, sondern „nur“ Konstruktionen, die immer im Kontext ihrer Entstehungszeit gesehen werden müssen.

Insofern sollte man nicht versuchen, 11-11: Memories Retold (oder generell irgendein anderes historisches Videospiel) an seiner historischen Authentizität zu messen, sondern sich darüber freuen, wenn Entwickler es sich zur Aufgabe machen, historische Elemente in ein Videospiel einzubauen. Spiele wie 11-11: Memories Retold oder Valiant Hearts – The Great War wollen kein Geschichtslehrbuch sein, sondern eine atmosphärische Geschichte in einem historischem Setting erzählen. Letzterem ist es dabei schon gelungen und den Vorberichten nach wird uns 11-11: Memories Retold ebenfalls mit auf eine spannende und emotionale Reise in den ersten Weltkrieg mitnehmen. Im Endeffekt sind auch Videospiele somit nicht allzu verschieden von Geschichten von Oma und Opa: Man hört sie sich an, weil die Erinnerungen lebhaft erzählt werden. Dass man somit auch oft etwas von der Zeit früher mitbekommt, ist dabei ein netter Nebeneffekt. Genau so, wie länger aufbleiben zu dürfen oder ein paar selbstgebackene Kekse.

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