Geschichte oder Geschichten? – Mythisches in Civilization

Kurze Frage zum Einstieg: Wer hat Rom gegründet? Auf Romulus (und eventuell seinen Bruder Remus) werden hier sicherlich die meisten kommen. Selbst das Datum 753 v.Chr. ist durch den sehr erinnerungswürdigen Reim „753 – Rom kroch aus dem Ei“ leicht zu merken. Und auch ohne die Daten kennt die Geschichte um die beiden Brüder, die von einer Wölfin gefunden und aufgezogen wurden, eigentlich jeder. Inklusive Mauerbau, Brudermord und allem, was dazu gehört. Doch wie mit dem Weihnachtsmann ist das wohl eher nicht die historische Gegebenheit. Denn diese klingt ein wenig schmuckloser: Gut 100 Jahre früher haben sich lateinische und sabinische Siedler in der Gegend niedergelassen und die Grundlagen für das Wachstum der späteren Weltstadt gelegt, der sogenannte Gründermythos wurde später hinzugedichtet. Solche und ähnliche Mythen findet man in der Geschichtsschreibung zuhauf, vor allem in der Antike. In einer Zeit, wo Götter allgegenwärtig waren und der Klang der Erzählung wichtiger war, als der historische Inhalt hat es sich angeboten, so ein wenig mehr Pep einzubringen.

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Erfreut sich auch heute noch großer Bekanntheit: Die Kapitolinische Wölfin

Heutzutage spielen religiöse Elemente in der Geschichtsschreibung keine Rolle mehr, niemand wird zukünftig ernsthaft Angela Merkel als gesandte Gottes oder von einem Seeadler aufgezogene Kanzlerin darstellen. Man könnte es heute relativ einfach widerlegen, weil man viele Quellen hat. Und hier ist das große Problem zur Antike und auch teilweise zum Mittelalter. Es fehlen genügend Quellen, um Mythen als solche entlarven zu können. Sicherlich ist es auffällig, wenn Götter auftauchen oder übermenschliche Kräfte am Werk sind. Aber damit müssen die dargestellten Vorgänge ja nicht gleich unhistorisch sein, sondern können lediglich in der Erzählung „aufgepeppt“ sein. Wie in Hollywood-Blockbustern. Oder in Videospielen…?

Denn wie den Geschichtsschreibern in der Antike geht es den Entwicklern von Civilization auch darum, ein Spiel möglichst gut zu verkaufen. Deshalb liegt der Fokus auch auf dem Spiel und man bedient sich der Geschichte nur soweit, wie es dem Spielgefühl nicht schadet. Das bedeutet aber auch, dass man gerade für die Antike eventuell Sachen übernimmt, die historisch gesehen gar nicht stattgefunden haben, sondern eher als Mythos einzuordnen sind. Im Spiel werden diese Inhalte aber neben tatsächlich existierende Personen/Nationen/Gebäude gestellt, weshalb es dem „normalen“ Spieler gar nicht auffällt, inwiefern er einen unhistorischen Sachverhalt vor sich hat. Hier ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen ist das Thema des heutigen Blogbeitrags. Wir werfen einen Blick auf Spielelemente der Civilizationserie, welche historisch entweder umstritten sind oder relativ klar in das Land der Mythen und Sagen verworfen werden können. Wie immer wünsche ich dabei viel Spass beim Lesen!

Naher Osten, ferne Historizität?

In einem früheren Blogbeitrag hatte ich über das Thema „Weibliche Anführer bei Civilization V“ geschrieben und dabei herausgestellt, wie sehr sich die Serie im Verlauf der Zeit „weiblicher“ gemacht hat und auch weibliche Personen der Geschichte darstellten wollte. Auch in Civilization VI haben wieder einige neue Frauen den Weg ins Spiel gefunden: Kleopatra für Ägypten, Caterina de‘ Medici für Frankreich, Gorgo für Griechenland und Tomyris als Anführerin der Skythen. Während bei den ersten drei ihr Wirken vor allem am Hof bzw. an der Seite des eigentliches Herrschers (Königs/Sohnes) zustande kam (oder Liebhaber bei Kleopatra), fällt Tomyris da ein wenig heraus: Nachdem ihr Mann gestorben war, übernahm sie die Herrschaft über das Volk der Massageten. Dieses wollte der damalige Perserkönig Kyrus (bekannt aus Civilization IV!) aber erobern, woraufhin es zum Konflikt kam. Hierbei wurde Tomyris aber in eine Falle gelockt: Nach der Eroberung eines scheinbar leicht befestigten Lagers der Perser fanden die Massageten sehr viele Lebensmittel, auch Alkohol. Durch dessen Verzehr geschwächt konnten dieses Heer an dem darauffolgenden Tag entscheidend besiegt werden. Dabei fiel auch Tomyris‘ Sohn. Voller Wut ging sie schließlich zu einem direkten Angriff gegenüber, bei welchem sie die Perser und Kyrus selbst besiegen konnte. Aus Rache für den Verlust ihres Sohnes verlor Kyrus nicht nur sein Leben, sondern auch seinen Kopf, welchen sie in einen Schlauch voller Menschenblut steckte.

So wird es jedenfalls bei Herodot berichtet und dem geneigten Leser dürfte es bereits aufgefallen sein, dass dies eine wunderbar klingende Geschichte ist, aber historisch gesehen wohl kaum so stattgefunden haben dürfte. Es klingt eher ein wenig nach Game of Thrones in der Antike. Weiterhin war die Geschichte in der Antike so populär, dass auch andere Autoren „ihre“ Version verfasst haben. Wie so oft kam es in diesen Erzählungen zu verschiedenen Änderungen in den Details: Mal legte Tomyris den Persern den Hinterhalt mit dem Alkohol, mal lässt sie Kyrus durch eine Kreuzzigung sterben etc.. Hier zeigt sich wieder ein „Problem“ antiker Geschichtsschreibung: manchmal gibt es nur eine Quelle für ein Ereignis, auf welches sich spätere Autoren immer wieder beziehen. Herodot selbst schrieb seine Version von Kyrus‘ Tod gut 100 Jahre später, nachdem dieser in einem Feldzug zu Tode gekommen war. Zu seinem Tod wiederum gibt es auch andere Quellen, aber von Tomyris wird in diesen nichts erwähnt. Alleine aus diesem Grund ist es zweifelhaft, Tomyris als große Person der Geschichte neben tatsächlich existierenden Personen darzustellen. Und selbst wenn sie Kyrus in der Schlacht besiegt hat, gibt es noch ein weiteres Problem: Wer den Text aufmerksam gelesen hat, wird feststellen, dass ich sie immer Königin der Massageten genannt habe. Diese waren eines von vielen Reitervölkern, die als Skythen bezeichnet werden. Lediglich der antike Geschichtsschreiber Diodor bezeichnet sie als Skythenkönigin, bei den anderen bleibt sie „nur“ die Königin der Massageten. Problem: Die Massageten dürfte man kaum kennen, wenn man nicht gerade alte Geschichte studiert hat, während die Skythen als Sammelbegriff für nomadische Steppenvölker weitaus bekannter sind. Die Entwickler haben Tomyris hier zu einer größeren Königin gemacht, als wie sie es war, sofern es sie überhaupt gab. Aber: Damit folgt man weiter dem Trend, auch weibliche Gesichter der Geschichte in das Spiel einzubauen. Tomyris‘ Geschichte von dem großen Sieg über den großen Perserkönig Kyrus hat, ob historisch oder nicht, in der Antike eine große Wirkung entfalten können. Und auch solche Mythen spielen ja eine Rolle für die Geschichte, sofern man sie geglaubt hat. Um wieder auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Im römischen Selbstverständnis wurde Rom natürlich 753 v.Chr. gegründet, daran gab es bis in die Neuzeit kaum Zweifel. Daher ist es auch nur logisch, wenn solche „historischen Mythen“ auch ihren Weg ins Spiel finden, sofern sie nicht vollkommen unglaubwürdig sind und über die Bedeutung ihrer Erzählung einen historischen Wert erfahren haben.

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Mit ihr legt man sich besser nicht an: Tomyris

Tomyris‘ Partner im mythischen Duett ist Gilgamesch. Seinen hohen Bekanntheitsgrad dürfte er durch eines der ältesten Dichtungswerke der Welt erhalten haben: Das Gilgamesch-Epos. Dort versucht Gilgamesch nach dem Tod seines Gefährten Enkidu, einen Weg finden, den Tod zu besiegen. Die Suche nach Unsterblichkeit endet für Gilgamesch dort darin, dass er seinen Namen nur durch den Bau von großen Werken als großer König unsterblich machen kann. Wie bei Tomyris gilt hier erstmal, dass man eine sehr gut klingende Geschichte hat, die Historizität aber wohl nicht ganz getroffen wird. Das wird hier sogar noch deutlich, da es sich bei einem Epos um ein Werk handelt, in dem übernatürliche Kräfte meistens Teil der Erzählung sind. Zu dem historischen Gilgamesch gibt es nicht viel zu sagen, sein Name taucht in einigen Königslisten auf, aber auch in Götterlisten. Aufgrund der Unsicherheit von Überlieferungen aus der damaligen Zeit, ist es nun schwierig zu sagen, wie authentisch solche Quellen sind. Der Liste nach soll Gilgamesch 126 Jahre regiert haben… Deshalb ist es hier noch schwieriger als bei Tomyris, eine historische Person „Gilgamesch“ zu umfassen. Oder überhaupt sicher sagen zu können, dass sie existierte. Dafür gilt dieselbe Parallele wie bei der Skythenkönigin: Seine Erzählung war relativ populär und hat dem Leser das Bild eines großen summerischen Königs vor Augen geführt. Ein Unterschied zu Tomyris ist dagegen, dass das Spiel bei Gilgamesch auf die Problematik der Historizität eingeht: Im seinem „Lademenü“ wird zum er zum einen als jemand beschrieben, der „mehr als ein Mensch ist“, zum anderen wird erwähnt, dass es sich bei seinem Leben um eine „epische Geschichte“ handle. Sowohl das Gilgamesch-Epos, als auch die Frage, ob es nun ein Mensch oder ein Gott war, werden immerhin nicht ganz ausgelassen. Weitere Verweise auf das Epos finden sich auch noch in den Eigenschaften Gilgameschs.

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Mehr Legende als Geschichte? – Gilgamesch

Kleine und große „Mythen“

Wenn man von den Anführern absieht, findet man im Spiel ansonsten nur noch Kleinigkeiten, über welche man nun vortrefflich streiten kann. Ein Beispiel sind hier die Hängenden Gärten. In zahlreichen antiken Berichten und Schriften liest man von deren Pracht. Nicht umsonst galten sie schon in der Antike als ein Weltwunder (diese Bezeichnung kommt übrigens wieder von unserem alten Freund Herodot). Aber: Bis heute hat man keine archäologischen Beweise für die Existenz der Anlage gefunden. Selbst die Lokalisierung ist deshalb nicht ganz klar. Aus diesem Grund bezweifeln einige Historiker, dass es die Hängenden Gärten als eigenes Gebäude überhaupt gegeben hat. Mit den Beschreibungen seien generell die prächtigen Gärten in den babylonischen Städten gemeint gewesen. Davon hat es nämlich reichlich gegeben. Ich will die Hängenden Gärten jetzt nicht in das Land der Mythen verweisen, aber von den sieben Weltwundern der Antike sind sie mit Abstand die unsichersten (in Bezug auf Historizität). Aber man muss nicht nur in die Vergangenheit schauen, auch moderne Technologien wie bspw. die moderne Marstechnologie basieren mehr auf modernen Erzählungen, als auf realen Tatsachen. Hier findet sich aber eine Gemeinsamkeit: Populäre Erzählungen beeinflussen die Geschichte mehr, als man es eventuell bemerkt. Was die Geschichte um Gilgamesch und Tomyris in der Antike waren, sind heute die Geschichten um Leben auf dem Mars. Letzteres kann natürlich irgendwann einmal wahr werden, aber für die heutige Zeit ist es „nur“ eine fiktive Vorstellung.

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Sahen sie so aus? Eine bildliche Darstellung der Hängenden Gärten, wohl aus dem 19. Jhdt.

Abseits der spielerischen Elemente werden dann in die Beschreibungstexte auch gerne erzählerische Passagen übernommen. Um wieder an das Anfangsbeispiel anzuknüpfen: In der Zivilopädie wird erwähnt, welche unterschiedlichen Gründungsmythen es für Rom gibt. Neben dem Mythos um Romulus und Remus wird auch auf eine weitere Sage angespielt: Die „trojanischen Flüchtlinge“ sollen hier Aeneas beschreiben, einen Trojaner, der nach dem Fall Trojas nach Latium kam und dort den Grundstein für den Aufstieg Roms legen sollte. Auch diese Geschichte findet sich gut erzählt in einem antiken Epos wieder: Der Aeneis. Die „historischste“ Variante wird hier wunderschön mit einem Haufen „dreckiger Barbaren“ beschrieben und zugleich als letztes genannt. Es wird deutlich, dass auch die Entwickler lieber die großen Mythen in den Vordergrund stellen wollten, als die „dreckige“ Wahrheit. Dafür spricht ebenfalls die ausführliche Erzählung der Sage um Romulus und Remus, während die „dreckigen Barbaren“ nicht weiter erläutert werden. Damit gemeint sind wohl die vielen Volksstämme, welche sich um 800 v.Chr. auf der italischen Halbinsel aufhielten.

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Kurzfassung: Romulus und Remus in der Zivilopädie

Fazit

Civilization VI besitzt also einige Elemente, welcher eher der Welt der Sagen zuzuordnen sind. Jedenfalls nach dem aktuellen Stand der Dinge, es kann natürlich immer sein, dass noch neue Quellen gefunden werden, durch welchen die Hängenden Gärten zum Beispiel belegt werden. Aber auch ohne Belege kann man nur den aktuellen historischen Debatten folgen, um Personen oder Gebäude richtig einordnen zu können. Nur ist eben klar zu sagen, dass es einen Otto von Bismarck wirklich gab, was man von einem Gilgamesch so nicht behaupten kann. Einen historischen Wert hat er aber dennoch, denn Geschichte zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass sie passiert, sondern dass sie als „passiert“ angesehen wird. Wenn die Römer geglaubt haben, von zwei Kindern abzustammen, die von einer Wölfin genährt wurden, dann hat dies auch entsprechende Auswirkungen auf ihr Denken und Handeln gehabt. Daher sind solche Elemente zurecht in einem Spiel, welches es sich zur Aufgabe gemacht hat, „Geschichte“ nachzuspielen. Geschichte ist kein fester Gegenstand, sondern wird aufgrund neuer Quellenlagen und neuer Forschungsfragen immer wieder neu entdeckt. Solche komplexen Debatten in ein Spiel einzufügen, welches im Endeffekt ja Spass machen soll, kann daher nicht dessen Aufgabe sein. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Niemand möchte beim Ladebildschirm lesen, dass Gilgamesch wohlmöglich gar nicht existiert hat, sondern lieber von epischen Abenteuern eines Fast-Gottes hören. Ob das nun zur Folge hat, dass Spieler eine Tomyris oder einen Gilgamesch gleich einordnen, wie einen Trajan oder eine Victoria, steht auf einem anderen Blatt. Der Großteil in Civilization ist jedoch historisch klar belegt, zumindest in einer überlieferten Variante. Die hier vorgestellten Fälle stellen eher Ausnahmen dar, welche aufgrund der gut erzählten Geschichte oder der historischen Bedeutung aber in das Spiel gehören. Bei Tomyris kommt noch der Fall dazu, eine weitere große Frau zu haben, die auch militärische Erfolge über ihre männlichen Mitstreiter vorweisen kann, was auf dem Weg der „spielerischen Gleichberechtigung“ zwischen Männern und Frauen in der Civilization-Serie immer gut ankommt. Jedenfalls, wenn das Geschriebene denn stimmt. Aber wie wir jetzt gesehen haben, ist die erzählte Geschichte manchmal interessanter (und sogar einflussreicher), als die wirkliche Geschichte. Und gerade Civilizationspieler kennen den Unterschied zwischen wirklicher und erlebter Zeit wie keine anderen: Aus einer gefühlten Stunde Civilization werden schnell 5 Stunden Civilization. Oder eine ganze Nacht…

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