Civilization VI: Amanitore – Königin oder „Quotenfrau“?

Als am 25.7.2017 Nubien als DLC-Paket für Civilization angekündigt wurde, war das erstmal eine kleine Überraschung. Denn Nubien als Volk hatte es in noch keinem anderen Teil der Serie gegeben. Eine noch größere Überraschung folgte dann aber bei der Bekanntgabe des Staatsoberhauptes: Das Volk vom Nil wird von einer Frau angeführt, nämlich Königin Amanitore, welche im ersten Jahrhundert n.Chr. gelebt hat. Allerdings gab es nach dieser Bekanntgabe einige „kritische“ (um es mal nett auszudrücken) Stimmen, die sich daran störten. Als Punkte wurden unter anderem vorgebracht, dass man wieder krampfhaft eine weitere Frau ins Spiel einbinden wolle und dass sie es gar nicht wirklich verdient hätte, mit Personen wie Friedrich Barbarossa oder Victoria in einer Reihe genannt zu werden. Der auch heute leider weit verbreitete Begriff der „Quotenfrau“ machte die Runde. Die Begründung hinter diesem Vorwurf liegt deutlich in der Tendenz der Serie, das Bild einer von Männern dominierten Geschichte ein wenig ins Gleichgewicht zu rücken. Gab es im ersten Teil gerade einmal eine weibliche Herrscherin neben 14 männlichen, so versucht man von Seiten der Entwickler doch immer weiter, ein ausgeglicheneres Bild zu schaffen. Aus den knapp 7% ist mittlerweile ein Frauenanteil von fast 30% in Civilization VI geworden. Ein Problem stellt dabei sicherlich die Bekanntheit der ausgewählten Personen dar. Wenn von den großen Namen (Elisabeth, Victoria, Kleopatra, Katharina die Große etc.) absieht, muss man auch auf Namen zurückgreifen, die außerhalb des Geschichtsunterrichts nicht wirklich bekannt sind. Und für die westliche Welt dürfte auch ein Name wie Amanitore zu solchen gehören. Aus diesem Grund dürfte es auch zu den oben genannten Äußerungen gekommen sein und dementsprechend ist es mir wichtig, mal einen Blick auf das Thema „Quotenfrauen in Civilization“ am Beispiel von Amanitore einzugehen. Bereits in anderen Beiträgen habe ich mich ein wenig mit dem Thema beschäftigt, aber eher beiläufig. Hier soll der Fokus nun ganz gezielt auf diesem Thema liegen und dabei wünsche ich wie immer viel Spass beim Lesen!

Frau? Mutter? Königin!

Bevor es richtig losgehen kann, wollen wir uns noch kurz auf die biografischen Fakten kümmern, die uns überliefert sind: Zum einen wäre da erstmal der Zeitraum, in welchem sie gelebt hat: Und wie schon erwähnt lässt sich dieser in etwa auf das erste Jahrhundert datieren. Genauer wird es leider nicht, im Gegenteil: Selbst ihre Familienverhältnisse sind nicht ganz klar. So ist sie auf zahlreichen Denkmälern neben König Natakamani zu sehen, ohne aber genau bezeichnet zu werden: Ist sie nun seine Gemahlin oder eher seine Mutter? Die Forschung tendiert hier eher zu ersterem, womit sie in eine Rolle fallen würde, die auch anderen Herrscherinnen der Serie bekannt ist (z.B. Caterina de’ Medici): Sie herrschte also nicht als absolute Regentin, sondern neben ihrem Sohn. Aber auch für die andere Rolle als „regierende Ehefrau“ gibt es genügend andere Beispiele: Gorgo in Civilization VI oder auch Theodora im fünften Teil wären wohl ohne ihre Gatten niemals im Spiel gelandet.

Theodora_(Civ5)
Kaiserin und nebenbei Ehefrau: Theodora, byzantinische Herrscherin und Frau von Kaiser Justinian I.

Insofern ist der Vorwurf der fehlenden „eigenen“ Legitimation hinfällig. Und wenn man kritisiert, dass es wirklich nur Staatsoberhäupter ins Spiel schaffen sollten, die auch „selbst“ regiert haben, lässt man dabei die unterschiedlichen Geschlechtsbilder von Mann und Frau völlig außer acht. Bis in die frühe Neuzeit war es für Frauen fast unmöglich, an hohe Regierungsposten zu kommen, selbst die großen englischen Königinnen mussten erstmal warten, bis ihre Brüder gestorben waren (und dabei hoffen, dass es keinen Nachwuchs gab!). Wenn eine Serie wie Civilization nun auch große weibliche Personen der Weltgeschichte zeigen möchte, muss die Definition von Herrschaft ein wenig gestreckt werden. Der Fokus liegt mehr auf der tatsächlichen Macht, als auf ihrer formellen Bezeichnung. Unabhängig davon, wie genau sich Amanitores Herrschaft nun legitimiert hat, ob sie nun Mutter oder Gattin oder etwas ganz anderes war: Sie hatte eine so mächtige Position inne, dass es den damaligen Menschen wichtig erschien darüber zu berichten. Und wenn das nicht als Legitimation für ein Videospiel ausreicht, in welchem es genau darum geht, wichtige historische Personen zu verwenden, weiß ich auch nicht weiter.

Rosinenpickerei

Um das „mächtig“ aus dem vorherigen Absatz noch ein wenig zu präzisieren, will ich kurz auf ihre Regierungszeit eingehen. Wie über sie selbst ist auch darüber nicht allzu viel überliefert: vor allem betätigte sie sich als Bauherrin von Pyramiden, Tempeln oder einem großen Reservoir. Dementsprechend produktionslastig fallen auch die meisten Boni im Spiel aus, die ihr einen Bonus beim Bau von Bezirken geben, sowie zusätzliche Produktion von strategischen Ressourcen. Zudem haben die Nubier eine eigene Modernisierung: die nubische Pyramide!

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Einfach spitze: Nubische Pyramiden in Civilization VI

Wer gerne baut, fühlt sich hier also wohl. Kaum etwas ist über andere politische oder militärische Taten überliefert. Auf diese schlechte Quellenlage gehen die Entwickler in ihrem Civilopädieartikel sogar ein:

[…]

At least, that is what historians have pieced together. Two millennia and one dead language later, there is little surviving written record of Amanitore in the form of scrolls or other documents. What remains is carved into the very stone of the buildings she left behind.

[…]

Vergleicht man diese Quellenlage mit einer Victoria oder einem Friedrich Barbarossa, könnte man sich schon die Frage stellen, wieso es jemand, über den wir so wenig Gesichertes wissen, in ein Spiel wie Civilization geschafft hat. Immerhin müssen die Entwickler mit wenigen Quellen eine spielerisch bedeutsame Person schaffen, die sich vor den oben genannten Anführern nicht verstecken muss. Aber gerade diese Lücken können den Entwicklern am Ende eher helfen, als zu schaden. Denn so gut man mit Informationen begründen kann, genauso gut kann man auch Sachen widerlegen! Man stelle sich mal vor, es hätte ein paar Quellen mehr zu Amanitore gegeben. Und in einer hätte man herausgelesen, dass sie definitiv niemals als Königin regiert hat. Mit einem Moment wäre sie für die Entwickler komplett uninteressant geworden. Mit der aktuellen Quellenlage dagegen kann man das Bild einer Regentin erschaffen, ohne dabei zu weit von den historischen Befunden abzuweichen. Im Gegenteil: Das Spiel greift die historische Debatte auf, ob sie nun Mutter oder Ehefrau des Königs war, kommt aber unabhängig davon zu dem Schluss, dass sie regiert haben muss. Wie schon in meinem Artikel zu Gabriel Knight II zeigt sich damit ein beliebtes Element von historischen Videospielen, was man am ehesten als Rosinenpicken bezeichnen kann: Die Entwickler nehmen sich die historischen Informationen, die sie brauchen, und ergänzen Lücken mit eigenen Ideen. Somit können sie stets auf die „historische Genauigkeit“ der Quellenlage verweisen, besitzen aber gleichzeitig auch genügend Spielraum für eigene Ideen. Und Personen mit schlechter Quellenlage wie Amanitore bieten dann genügend Spielraum, um im Spiel einen anderen historischen Personen ebenbürtigen Charakter darstellen zu können. Auf ähnliche Weise haben es auch Gilgamesch oder Tomyris in den aktuellen Teil geschafft, von denen die Überlieferung nicht einmal sicher ist, ob sie wirklich gelebt haben.

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„Wohin denn jetzt?“ – Ein antikes Bildnis Amanitores

Was am Ende übrig bleibt

Amanitore ist sicherlich keine „offensichtliche“ Wahl für ein Staatsoberhaupt in Civilization. Viele andere große Persönlichkeiten der Weltgeschichte haben es noch nie in die Serie geschafft, während sie sich nun offiziell Mitglied der Civilizationfamilie nennen darf. Ist das ungerecht? Ist das unverdient? Nein! Zum einen zeichnet sich die Serie auch dadurch aus, nicht nur die großen Namen zu nehmen, die man aus dem (westlichen!) Geschichtsunterricht kennt. Das Entdecken neuer Völker und Kulturen ist eng mit dem Kennenlernen von großen Persönlichkeiten dieser Nationen verbunden. Jeder Civilizationspieler wird Montezuma direkt mit den Azteken verbinden, unabhängig davon, ob er jemals etwas darüber gelesen hat. Ähnlich sieht es mit Shaka und den Zulu aus: Durch das Spiel schaffen wir eine Verbindung zwischen Herrscher und Nation. Ein sekundärer Lerneffekt! Das oftmals stark europäisch geprägte Geschichtswissen erweitert sich somit um Anführer und Nationen, die für uns erstmal „klein“ wirken. Und gerade die Nubier sind mit ihrer langen Geschichte alles andere als ein kleines Volk. Die Auswahl, Amanitore als Herrscherin ausgewählt zu haben, mag auch dem oben genannten Ziel, mehr weibliche Herrscher in das Spiel einzubinden, geschuldet sein. Alternativen an nubischen Königen gibt es über knapp 2000 Jahre Geschichte genug. Aber ihre Auswahl ist mit genügend historischen Belegen gestützt, um sie nicht als „Quotenfrau“ bezeichnen zu müssen (was man auch generell nicht tun sollte!): Sie regierte in Nubien und sie führte umfangreiche Baumaßnahmen im ganzen Reich durch. Ob die Regierung nun als Mutter oder Ehefrau geschah, sollte für die Auswahl keine große Rolle spielen, den beide wurden bereits von anderen Staatsoberhäuptern im Spiel ausgeführt. Auch die dürftige Quellenlage ist kein wirklicher Grund zur Kritik, weil die wenigen Quellen ihre Herrschaft dafür genügend belegen. Insofern verkörpert Amanitore alles, was ein guter Neuzugang für ein Civilization-Spiel haben muss! Und anstatt zu meckern, wer alles anderes hätte gewählt werden können, sollten wir uns eher darüber freuen, dass es immer neue Inhalte gibt, die sowohl spielerische, als auch historische Neuerungen mit sich bringen. Unabhängig davon, wie man zu der fragwürdigen DLC-Politik bei Civilization VI steht. Denn wenn man unbedingt über etwas meckern möchte, dann lieber darüber, als über eine große nubische Herrscherin!

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