Top 5: Historisch „fragwürdige“ Einheiten in Age of Empires II.

Wer kennt das nicht? Man hat ein wenig Freizeit und freut sich auf eine entspannte Runde Age of Empires II. Ein großes Schlachtfeld, gefüllt von Rittern, Bogenschützen und Schwertkämpfern. Und während ihr euch eurer mittelalterlichen Phantasie hingebt, taucht plötzlich ein blau-weiß gestreiftes Auto auf dem Schlachtfeld auf und metzelt in kürzester Zeit eure ganze Armee nieder. Und zack ist die Illusion vorbei und ihr habt die mittelalterliche Traumwelt verlassen. Das Cobra-Car aus Age of Empires II ist sicherlich eine der bekannteste Cheat-Einheiten der Gaming-Geschichte. Durch den Cheat „How do you turn this on“ erscheint am eigenen Dorfzentrum ein Auto, welches sich mit rasender Geschwindigkeit und hohem Schaden auf dem Schlachtfeld bewegt. Gerade weil dieses Auto nur als Cheat in ein normales Spiel geholt werden kann, wird sich hier jedoch niemand die Frage stellen, ob es dieses Auto als Waffe im Mittelalter wirklich gegeben hat. Alleine die Optik lässt es aus der mittelalterlichen Welt geradezu herausfallen und als kleinen Spass der Entwickler erkennbar werden.

Doch was bei dem Cobra-Car offensichtlich ist, bleibt bei anderen Einheiten eher verborgen: In ihrer Darstellung sind sie für ein mittelalterliches Strategiespiel… sagen wir mal… sehr frei interpretiert. Age of Empires hat nun nicht nur 4 oder 5 Einheitentypen, sondern einen ganzen Haufen an Infanterie, Bogenschützen, Kavallerie oder Belagerungswaffen. Von den Spezialeinheiten will ich gar nicht anfangen. All diese Einheiten sollen natürlich möglichst atmosphärisch passend in das im Spiel dargestellte Mittelalter eingefügt werden. Und auch wenn dies gelingt, bedeutet das ja nicht, dass man sich bei allem wirklich die Mühe gegeben hat, dem historischen Vorbild möglichst nahe zu kommen. Wie ich immer betonte, sind solche spielerischen Freiheiten immer über dem schwammigen Aspekt der „historischen Genauigkeit“ anzusiedeln. Trotzdem lohnt es sich einmal, den Blick auf ein paar Einheiten zu werfen, wo die Entwickler den „historischen Spielraum“ doch sehr überstrapaziert haben. Im heutigen Ranking geht es nämlich um die Top 5 „historisch fragwürdigsten Einheiten“ in Age of Empires II. Natürlich ohne das schon angesprochene Cobra-Car, denn gecheatet wird nicht! In diesem Sinne: Viel Spass beim Lesen!

5. Gbeto

Rein technisch gesehen müsste Mali, wenn es nach Age of Empires II geht, als erste feministische Nation der Welt gefeiert werden. Denn wo die anderen Völker im Spiel höchstens mit ein paar Dorfbewohnerinnen aufwarten, können die Malier eine weibliche Spezialeinheit präsentieren: Den Gbeto. Eine Infanterieeinheit, die aber über eine große Angriffsreichweite verfügt, indem sie mit kleinen Messern auf ihre Gegner wirft. Wörtlich übersetzt steht das Wort „Gbeto“ für Jägerin und stammt aus Fon, einer in Westafrika gesprochenen Sprache. Wer sich nun fragt, warum man denn außerhalb von Age of Empires II noch nie davon gehört hat… fragt sich das auch mit Recht. Denn der Gbeto ist selbst eine kreative Eigenschöpfung der Entwickler. Als historisches Vorbild dienen hier die sogenannten „Dahomey Amazons“, ein ebenfalls komplett aus Frauen bestehendes Regiment, welches aber nicht in Mali, sondern im Benin diente. Mali? Benin? Hauptsache Afrika… Auch nicht im Mittelalter, sondern erst ab dem 17. Jahrhundert. Der Titel Dahomey bezieht sich dabei direkt auf das gleichnamige Königreich, welches zur damaligen Zeit auf dem Gebiet des heutigen Benin existierte. Und das ist dann doch ein paar Kilometer weiter vom eigentlichen Gebiet Malis entfernt. Insofern zeigt sich hier wieder die Vorliebe der Spieleentwickler, gerade nicht-europäische Darstellungen von Einheiten und Völkern sehr frei auszulegen. Aus einem ab dem 17. Jahrhundert auf dem Gebiet des Benin eingesetzten Frauenregiment wird eine im Mittelalter von Mali eingesetzte „Spezialeinheit“. Insofern muss man also keine Angst haben, wenn man durch eine Zeitreise zufällig im mittelalterlichen Mali landet. Jedenfalls nicht vor Gbeto…

gbeto
Frauenpower: Gbeto beim Angriff auf ein gegnerisches Dorfzentrum


4. Petardier

Zum Einstieg eine kurze Definition aus dem Duden:

Petarde

[zur Sprengung von Festungstoren u.a. benutztes] mit Sprengpulver gefülltes Gefäß, das mit einer Zündschnur zur Explosion gebracht wurde

Da der Duden für den Petardier keine Definition bietet, klaue ich hier kurz bei Wikipedia:

Petardier

Petardier war die Bezeichnung für die Person, die mit dem Einsatz der Petarde beauftragt und vertraut war.

Der Petardier im Spiel passt bisher also gut auf die Definitionen: Ausgebildet mit zwei Petarden macht er sich auf den Weg an gegnerische Gebäude oder Einheiten. Das Problem entsteht nun, wenn man schaut, wie die Einheit im Spiel „arbeitet“. Anstatt einen Zünder zu legen oder ähnliche Sicherheitsvorgänge zu beachten… sprengt sich der Petardier selbst mit in die Luft! All die Jahre der Ausbildung mit explosiven Stoffen umsonst. Im Spiel verkommt der Petardier zu einer Art mittelalterlichem Selbstmordattentäter, was in keinster Weise dem historischen Vorbild entspricht. Denn ein guter Petardier zeichnete sich gerade dadurch aus, dass er mit seinem Wissen mehrere gezielte Sprengungen durchführen konnte. Ohne sich dabei selbst mit in die Luft zu sprengen. Insofern sorgt ein kleines Detail dafür, dass der historische „Sinn“ einer Einheit komplett entfremdet wird. Auch wenn viele Spieler in Age of Empires II gerne einmal als Paladin, Elitekämpfer oder Arbalestenschützen in die Schlacht ziehen würden, ich tippe mal, dass sich niemand als Petardier versuchen möchte.

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Wenn eine jahrelange Ausbildung einfach so in wenigen Sekunden „verpufft“: Petardiere in Age of Empires II


3. Mameluken

Die Spezialeinheiten in Age of Empires II zeichnen sich oftmals dadurch aus, dass sie nicht nur besonders stark sind, sondern auch durch ihre oftmals „unkonventionelle“ Art der Attacke. Das ist in der Hinsicht nicht überraschend, da man hier die beste Möglichkeit hatte, Völker zu individualisieren und durch das Aufgreifen historischer Stereotype den Spielern ein vertrauteres Bild zu geben. Frei nach dem Motto: Sind die Briten nicht schon immer für ihre Bogenschützen bekannt gewesen? Dann macht es auch Sinn, dass sie einen Langbogenschützen als Spezialeinheit haben. Das passt doch historisch. Schauen wir nun auf die Sarazenen, so finden wir dort den Mameluk als Spezialeinheit: Ein Reiter auf einem Kamel, der Schwerter wirft. Ja, ihr habt richtig gelesen: Schwerter. Würde man eine reale Kosten-Nutzen Rechnung auf die Einheiten von Age of Empires II verwenden, so wäre der Mameluk wohl mit weitem Abstand auf Platz 1. Denn das Werfen von Schwertern ist sicherlich alles, aber nicht effektiv.

Oder historisch belegbar: Mameluken an sich waren ein bedeutender Teil mittelalterlicher islamischer Heere. Erst als Militärsklaven eingesetzt entwickelten sie sich zu tragenden Säulen im Militär und begründeten aus dieser Machtstellung nicht selten eigene Herrschaftsgebiete. Dabei waren sie eigentlich eine normale Kavallerieeinheit, hatten aber auch ein eigens nach ihnen benanntes Schwert. So weit, so gut. Doch scheinbar war das den Entwicklern von Age of Empires II noch nicht „besonders“ genug und ganz im Sinne des Orientalismus packte man noch ein paar „eigene Interpretationen“ oben drauf: Aus den Pferden wurden Kamele (Da reiten im Orient doch alle sicherlich drauf!) und das Mamelukenschwert wurde von einer Nahkampf- zu einer Fernkampfwaffe umfunktioniert. Denn jetzt wurde es geworfen. Und zwar nicht nur ein- oder zweimal, sondern bis zum Ableben des Mameluken. Im Prinzip werden somit unendlich Schwerter benötigt, dessen Aufenthaltsort aber ungeklärt bleibt. Sie sind mystischerweise (wo wir wieder beim Orientalismus wären…) einfach da. Somit ist der Mameluk mit seiner Darstellung in Age of Empires II eher in die Welt von Tausend und einer Nacht zu stecken und ein gutes Beispiel dafür, wenn westliche Entwickler ihr eigenes Bild von orientalischen Einheiten entwerfen. Zur Strafe sollten sie selber einmal 100 Schwerter von einem Kamel werfen!

mameluk
Kamel-Power macht die Gegner sauer: Mameluken haben im Spiel einen Angriffsbonus gegen feindliche Kavallerieeinheiten.

2. Kriegselefanten

Eine Einheitengattung, die Age of Empires II immer wieder gerne hervorholt, sind für den Krieg einsetzbare Elefanten! Die Khmer schicken mit Ballisten ausgestattete Elefanten in den Krieg. Oder reiten ganz einfach auf diesen. Was die Inder auch machen, jedoch mit einem Bogen bewaffnet. All diese Einheiten wirken auf europäische Spieler sicherlich gerne mal wie „Quatsch-Einheiten“, aber waren auch über den Zeitraum des Mittelalters in Indien/Südostasien gerne eingesetzte Einheitentypen. Warum taucht der Kriegselefant denn nun in dieser Liste auf? Der Teufel liegt hier im Detail, denn die oben genannten Einheiten haben alle eine Gemeinsamkeit: Sie werden „geritten“ oder „gesteuert“. Eine Einheit, die ich noch nicht erwähnt habe, ist der persische Kriegselefant. Und hier taucht nun der Elefant im Porzellanladen auf: Wie ein mittelalterlicher Panzer kann er gezielt über das Schlachtfeld gesteuert werden. Ohne, dass das Spiel ihm irgendeine Art „Lenker“ an die Hand gibt. Elefanten als eine Art dressierte Hunde darzustellen, ist jedoch relativ fragwürdig: Denn wenn Elefanten nicht aktiv von einem Reiter oder ähnlichem gelenkt wurden, war ihr Einsatz oftmals höchst riskant. Ihr Vorteil, gegnerische Einheiten großflächig niederzutrampeln, konnte schnell zum Bummerang werden: Vor dem eigentlichen Beginn in Panik gebracht, mussten auch mal die „eigenen“ Leute dran glauben. Viele mittelalterliche (oder eher antike) Feldherrn hätten sich eine direkte Steuerung a la Age of Empires II gerne für ihre Schlacht gewünscht. Insofern ist die Darstellung alles niedertramplender persischer Elefanten doch sehr weit hergeholt. Man könnte fast sagen, dass die Entwickler hier aus einer Mücke einen Elefanten gemacht haben…

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In Reih und Glied geht es die Schlacht: Kriegselefanten in Age of Empires II

1. Mönche/Missionare

Folgende Situation: Ihr werdet geboren, wachst in einem bestimmten Land auf, durchlauft Schule und ähnliche Ausbildungsstätten, findet die Liebe eures Lebens, gründet eine Familie, findet einen Job und führt ein prächtiges Leben. Aus dem Nichts taucht vor euch ein alter Mann auf, bespricht euch 5 Sekunden mit merkwürdigen Lauten und plötzlich beschließt ihr, dass euer bisheriges Leben komplett falsch war. Wilkommen auf den mittelalterlichen Schlachtfeldern von Age of Empires II. Mönche und ihre spanischen Missionarskollegen sind die wohl bekannteste Einheit des Franchises, da die Macht, die ihnen im Spiel gleichkommt, auch weit über Spielgrenzen hinaus bekannt ist. Zahlreiche Memes beschäftigen sich mit der Frage, wie schnell einen Mönche dazu bringen können, seine Lebenseinstellung zu überdenken. Wer regelmäßig spielt wird auch feststellen, wie Mönche mit dieser Fähigkeit taktisch eingesetzt werden können: Sowohl defensiv, um plündernde Reiterhorden abzuwehren, als auch offensiv, um großflächige Gebiete von Gegnern einzunehmen. Diese Spielmechanik des Bekehrens hat dabei natürlich ein histrorisches Vorbild (in gewisser Weise jedenfalls…): Missionierungen andersgläubiger Völker wurden von vielen Religionen in verschiedenen Epochen betrieben. Gerade im Mittelalter sorgte dies für die großflächige Ausbreitung des Christentums in Europa. So schickte Gregor der Große eigenhändig Missionare nach England, um das dortige Gebiet erfolgreich zu christianisieren. Aber nicht nur im Christentum, auch andere Religionen versuchten im Mittelalter, durch Missionierungen neue Anhänger für sich zu gewinnen.

Dass diese Missionierungen nicht immer so „friedlich“ wie im Spiel abliefen, steht dabei auf einem anderen Blatt. Kernpunkt ist hier, dass die Darstellung im Spiel, Einheiten von Priestern aktiv bekehren zu lassen, die sicherlich fragwürdigste historische Darstellung im Spiel ist. Und selbst wenn man von dieser Fähigkeit absieht: Sie haben ja noch eine weitere. Denn die Worte der Mönche können nicht nur bekehren, sondern auch heilen. Spielerisch wird dieser Aspekt oftmals übersehen, aber wer würde nicht gerne Wunden und Schmerzen durch ein paar Worte eines weisen alten Mannes verlieren. Was in der Realität (außer eventuell in der Welt alternativer Heilmediziner) wünschenswert wäre, ist in Age of Empires II bereits möglich. Insofern ist der erste Platz für unsere Freunde im Talar völlig verdient. Und wer etwas anderes sagt: Wololo!

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Swiss Army Monk: Sowohl offensiv, als auch defensiv eine Wucht in Age of Empires II

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