Civilization V – Technologiebaum: Ein Gesamtüberblick

Auf in das letzte Gefecht! Nach über 4 Monaten werfen wir heute den letzten Blick zurück auf den Technologiebaum von Civilization V. Dabei soll es nicht um ein bestimmtes Thema gehen, sondern wir wollen uns mit dem gesamten Technologiebaum beschäftigen und ein paar Sachen, die sich im Laufe der Serie immer wieder gezeigt haben, ein wenig genauer unter die Lupe nehmen. Denn nur in größerem Kontext wird ersichtlich, welche Zusammenhänge es zwischen den Epochen gibt, wie die Technologien ineinandergreifen und ob es Elemente gibt, welche den Technologiebaum so machen, wie er ist. Also Taschentücher raus holen und viel Spass beim Lesen. Denn nun stellen wir fest: Der Technologiebaum in Civilization V ist…

… gut gelungen!

Bei allen großen und kritischen Worten der letzten Monate sollte man zu Beginn einmal festhalten, dass der Technologiebaum im großen und ganz gelungen ist. Die 8 Epochen sind mit größtenteils passenden Begriffen betitelt und die Technologien ordnen sich ebenso ein. Und wenn eine Technologie mal nicht in ein Zeitalter passt, dann meistens in das Zeitalter davor oder danach. Auch die Zusammenhänge der Technologien folgen einer logischen Begründung, ein Wirtschaftswesen bspw. konnte sich erst entwickeln, nachdem sich ein Bankenwesen etabliert hatte: Im Technologiebaum findet sich dieser Zusammenhang 1:1 wieder! Sicherlich passt auch hier nicht alles (Dynamit geht aus Dünger hervor, wie stellt man sich das vor? Explodierender Kot?), aber das sind eher Ausnahmen. Der Spieler bekommt beim Spielen einen groben Ablauf der Menschheitsgeschichte mit und nicht mehr und weniger wollten die Entwickler von Civilization auch erreichen. Für ein Computerspiel wurde dieses historische Element erstaunlich gut umgesetzt, wobei man natürlich auch erwähnen muss, dass man bereits 4 Teile Erfahrung sammeln durfte. So viel an Lob vorneweg, gehen wir jetzt aber wieder ein wenig kritischer in die Analyse…

… zweigeteilt!

„Moment mal, in Civilization VI gibt es zwei Technologiebäume, wir sind doch noch in Civilization V, wo ist der denn zweigeteilt?“ – Falls ihr euch diese Frage nun stellt, liegt ihr nicht ganz falsch. Der Technologiebaum an sich ist zwar einer, aber hatte schon eine deutliche Trennung in sich, die ich in vorherigen Beiträgen immer nur kurz angesprochen oder angedeutet habe. Und in Civilization V besteht sie nicht aus Forschung und Kultur, sondern militärischer und ziviler Forschung. Wenn wir einen genaueren Blick auf den Technologiebaum werfen, werden wir oben kaum neue Militäreinheiten finden, dafür aber alle Stufengebäude von Forschung (Bibliothek, Universität, Forschungslabor) oder Kultur (Theater, Oper, Funkturm). Lediglich in der späten Phase kommen ein paar Militäreinheiten dazu, aber das hängt auch mit dem generellen Anstieg von Militarismus gegen Ende des Spiels zusammen (dazu später mehr!). Auf der unteren Hälfte dagegen tummeln sich in jedem Zeitalter einige neue Militäreinheiten, sowie alle Gebäudestufen der Produktionsgebäude für diese: Kasernen, Waffenkammern und Waffenarsenale.

5bnw-techbaum-antike
Kultur und Forschung oben, Produktion und Militär unten – Der Technologiebaum in Civ 5

Zwar gibt es zwischen beiden Hälften immer mal wieder Verknüpfungen, aber generell passt sich die Forschung auch dem jeweiligen Spielstil an: Wer militärisch spielt, kann bereits in das Industriezeitalter kommen, ohne jemals Segeln oder Schrift erforscht zu haben. Zwar gibt es auch Ausnahmen (wie den vorher genanten Dünger), aber dieser dient eher dazu, ihn selbst in eine logische Reihenfolge einzubringen (Chemie -> Dünger). Wobei wir dann wieder nach der Logik mit dem Dynamit fragen können. Aber auch die vermittelte Botschaft, entweder „militärisch“ oder „friedlich“ zu spielen, ist ein wenig bedenklich. Kaum eine Zivilisation in der Menschheitsgeschichte ist streng einer Linie gefolgt (außer die immer neutralen Schweizer eventuell!), Krieg und Frieden waren ein ständiger Begleiter. Das Spiel setzt natürlich auf die Wechselwirkungen beider Elemente, sodass ein guter Spieler den einen Zweig niemals vernachlässigen darf, aber ein wenig mehr „Mischung“ wäre aus historischer Sicht wünschenswerter gewesen.

… neuzeitzentriert.

Um diesen Punkt besser erläutern zu können, will ich kurz noch einmal auf die verbreitete Einteilung der drei großen Epochenbegriffe eingehen: Die Antike geht von ca 800 v.Chr. bis 500 n.Chr., das Mittelalter von 500 – 1500 n.Chr. und ab da an beginnt die Neuzeit. Das Spiel beginnt im Jahr 4000 v.Chr. und hat der Logik nach zwei antike Epochen, eine mittelalterliche und fünf neuzeitliche Epochen. Die Antike zähle ich in dem Kontext ab 4000 v.Chr., auch wenn das ungenau ist, aber darüber habe ich mich ja auch schon aufgeregt. Umgerechnet umfasst eine antike Epoche dann 3000 Jahre, eine mittelalterliche 1000 Jahre und eine neuzeitliche 100 Jahre. Sprich: Die Menschen in der Neuzeit brauchten 2900 Jahre weniger als die Menschen in der Antike, um eine „vollwertige“ Epoche zu erforschen. Sprich nochmal: Die Menschen in der Neuzeit waren wesentlich klüger als ihre Vorfahren!

Mittelalter
10 Technologien, dann ists schon wieder vorbei: Das Mittelalter

Wie kommt es, dass die Neuzeit hier so fortschrittlich dargestellt wird? Ein Grund, welchen ich in einem anderen Beitrag schon erwähnt hatte, könnte das von der Renaissance gefestigte Bild der Überlegenheit sein: das Mittelalter sei eine finstere Epoche gewesen, in welcher Wissenschaften und philosophische Fragen von der Kirche unterbunden worden wären. Jetzt wolle man sich an den antiken Idealen orientieren und weg von religiösen Leitsätzen: Der Mensch ist sein eigener Herr und nicht die Kirche. Hieran scheint nun auch das Spiel anzuschließen, wenn es zeigt, dass das Mittelalter für 10 Technologien 1000 Jahre gebraucht hat, eine neuzeitliche Epoche aber nur 100. Noch deutlicher wird es, wenn man eigentlich klar dem Mittelalter zugehörige Technologien aus diesem nimmt und in die Renaissance packt: Das Bankwesen, die Druckerpresse oder das Schießpulver. Anstatt das Mittelalter auch in zumindest zwei Epochen zu teilen (Frühmittelalter + Spätmittelalter? Ja, ich gebe zu, das ist nicht sehr kreativ), lässt man es als einzelne Epoche, die ihre wirkliche Bedeutung so gar nicht zeigen kann: 1000 Jahre werden auf 10 Technologien reduziert und das ist ziemlich schwach. Ein unreflektiertes Übernehmen dieses „dunklen Mittelalters“ gehört eher in die Kategorie Sage als in eine historische Einordnung. Dasselbe Problem gilt für die Antike, was aber auch an der Benennung legt. Ich möchte das Thema jetzt nicht zum 100. Mal ansprechen, aber eine Aufteilung in Frühgeschichte – Antike – (Klassik?) wäre um einiges sinnvoller gewesen.

… zum Militarismus strebend

Für diesen Punkt muss ich ein wenig ausholen: In den Artikeln zu den letzten beiden Epochen hatte ich schon erwähnt, dass die Anzahl an militärischen Einheiten dort verhältnismäßig hoch ist. Ein Beispiel: In der Antike schaltet man 3 neue Einheiten frei, im Informationszeitalter 8! Bei den zivilen Gebäuden ist es genau andersherum, weshalb es im Spiel so wirkt, als werde die Welt mit fortschreitender Zeit immer militärischer. Hier kommt nun die Wirkung des Spiels als Spiel ins Spiel (super formuliert!): Civilization nutzt die Entwicklung der Menschheitsgeschichte, muss sie aufgrund der spielerischen Begrenztheit aber irgendwann enden lassen. Das Spiel besitzt nicht den immer fortschreitenden Verlauf der echten Welt. Hier kommen die verschiedenen Siegestypen ins Spiel, durch welche sich in Civilization V ein Sieger finden lässt. Wissenschaftssieg, Diplomatiesieg und Kultursieg lassen sich auf friedlichem Wege erringen, sodass auf der anderen Seite nur der Militärsieg bleibt. Den Punktesieg lasse ich hier mal aus, da er aus beiden Bereich Teile bezieht. Auf jeden Fall hat man im Endeffekt ein Verhältnis von 3:1, was friedliche Siegestypen betrifft.

5bnw-techbaum-informationszeitalter
Viel Militär, wenig ziviles: Das Informationszeitalter

Und um dieses ungleiche Verhältnis auszugleichen, wurde dem Spiel in der späteren Phase mehr Militär als zivile Einheiten oder Gebäude hinzugefügt. Wer friedlich spielt, wird hier nur noch wenig finden, was ihm auf dem Weg zum Sieg hilft. Wer militärisch spielt, bekommt eine große Auswahl an neuen Einheiten, um den Eroberungssieg zu schaffen. Desweiteren sollten auch friedliche Spieler den Militäraspekt nicht vernachlässigen, um beim Erringen ihres Sieges nicht gestört zu werden. Ein weiterer Grund ist das Ende der „friedlichen“ Expansion: Gegen Ende des Spiels sollte irgendwann die ganze Karte besiedelt sein. Spieler, die ihr Reich jetzt noch vergrößern müssen, können dies nicht mehr auf neutralem Gelände tun, sondern müssen andere Gebiete erobern. Dafür braucht man Militär und das liefert einem das Spiel im letzten Teil des Technologiebaums.

Und hat man daraus gelernt?

Nach der Analyse dieser Punkte gibt es nun noch eine letzte Frage, welche wir uns angucken wollen: Hat man sich mit den angesprochenen Punkten auch bei den Entwicklern auseinandergesetzt und sie in Civilization VI aufgegriffen? Denn der neue Teil einer Serie sollte sich ja das Ziel setzen, nicht nur altes zu bewahren (sofern es funktioniert hat!), sondern auch neue Impulse zu geben. Die Zweiteilung des alten Technologiebaums bspw. scheint auch den Entwicklern bewusst gewesen zu sein. Denn im neusten Teil wurde der Technologiebaum in einen technologischen und einen kulturellen Baum aufgeteilt. Ein kluger Weg, dieses Problem zu beheben. Man hat nun nicht mehr den Druck, alles in einen Baum zu zwingen und irgendwie logisch zu verknüpfen, sondern kann nach zwischen Forschung und Kultur unterscheiden. So finden sich neue Einheiten eher im Forschungsbaum, während sich zivile Gebäude (vor allem in den Bereichen Kultur und Unterhaltung) im Kulturbaum finden. Aspekte der Militärtheorie sind auch in letzteren eingegangen. Ein wenig anders sieht es leider bei der Konzentration auf die Neuzeit aus: Civilization VI verwendet 1:1 die Aufteilung aus dem Vorgänger, sodass man auch hier wieder im Jahr 4000 v.Chr. beginnt und dann 2 Epochen in der Antike, das Mittelalter und 5 neuzeitliche Epochen hat. Die Anzahl der Technologien pro Epoche ist zwar nicht mehr so starr wie im fünften Teil, dennoch ist gerade diese weitergehende Kleinhaltung des Mittelalters sehr schade. Das Bild des dunklen Mittelalters festigt sich so leider weiter.

Und auch die Ausrichtung auf das Militär ist geblieben. Wobei „geblieben“ gut gemeint, eigentlich ist es sogar noch deutlicher geworden. Da man Gebäude und Politiken für Kultur- und Religionssieg in den Kulturbaum gepackt hat, bleiben nur noch Technologien für Forschungssieg und Eroberungssieg übrig. 6 Raumschiffteilen stehen 9 Militäreinheiten gegenüber. Wenn man das Zeitalter davor mitnimmt, wird die Tendenz in Sachen Militär noch größer. Man kann das Spiel dafür kritisieren, diese Entwicklung zu kriegerischen Auseinandersetzungen nicht ändern zu wollen, aber damit würde man dem sechsten Teil nicht gerecht werden. Denn durch die Einführung des Kulturbaums gibt es wenig Spielelemente, die hier hätten gefördert werden können. Kultur und Religion fallen weg, Produktion benötigt man nicht mehr unbedingt, weshalb sie in den Bau von Raumschiffteilen und Einheiten fließen. Lediglich Finanzen wären noch eine Möglichkeit gewesen, auch wenn man sich alles von den Namen der Technologien ein wenig zurechtbiegen müsste. Allgemein wirkt es komisch, wenn Technologien wie die Telekommunikation oder die Lasertechnologie keinen zivilen Vorteil haben. Aber die Aufteilung der Technologiebäume lässt kaum eine andere Lösung zu.

informationszeitalter
Man beachte die linke Stufe im Informationszeitalter: Militäreinheiten, wohin das Auge blickt!

Abschließend kommt dann noch der Bezug zum ersten Punkt: Im großen und ganzen ist der Technologiebaum von Civilization VI auch gelungen. Jedenfalls auf dem ersten Blick. Ob er einer genaueren Analyse standhält, wird sich in ferner Zukunft eventuell zeigen. Oder gleich zwei Analysen, denn eigentlich müsste man sich ja mit beiden Bäumen beschäftigen. Aber das ist eine Zukunftstechnologie, es gibt noch ein paar andere Sachen, die wir uns angucken wollen. Diese Tür wird nun geschlossen, aber wie heißt es so schön: Wo sich eine schließt, öffnet sich eine neue…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s