Orientalismus in Anno 1404

Wenn PEGIDA aktuell jede Woche in Dresden und andere Städten demonstriert, geht es nach eigenem Ersinnen vor allem darum, dass „Abendland“ vor einer angeblichen Islamisierung zu schützen. Dabei stellt man sich selbst als jüdisch-christlich geprägtes Land dar und grenzt sich bewusst zum „islamischen Orient“ ab. Diese relativ konstruierte Darstellung bringt eine Thematik an die Oberfläche, welche fast 40 Jahre zuvor schon einmal geführt wurde: Was genau ist jetzt das Abendland (auch Okzident) genannt und was genau ist der Orient? Kann man beide Begriffe überhaupt so benutzen oder konstruiert man damit Bilder von Kulturen, die so gar nicht existiert haben? Letzteres folgerte der Literaturhistoriker Edward Said in seinem 1978 erschienenen Buch Orientalismus, welches 1978 erschien. Dort bezeichnet er den Orient also ein vom Westen konstruiertes Gebilde, welches dazu dient, sich von diesem abgrenzen und gleichzeitig seine Überlegenheit gegenüber diesem zeigen zu können: Der aufgeklärte, christliche Westen treffe auf den mysteriösen, islamischen Orient.

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Sorgte für hitzige Diskussionen: Orientalismus von Edward Said

Dieses Bild sei ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit, in welcher die westlichen Großmächte diese Vormacht gegenüber dem Orient (und anderen Kolonien) als Identitätsmerkmal aufgenommen hätten. Und dieser Gegensatz von Orient und Okzident würde im gesellschaftlichen Diskurs heute noch existieren.

Aufgegriffen wird dieser Gegensatz von Orient und Okzident auch von Anno 1404. Wobei man sagen kann, dass es hier nicht einfach nur ein Spielelement ist, sondern DAS Spielelement. Denn das ganze Spiel ist auf die Wechselwirkung zwischen Orient und Okzident aufgebaut. Beide Seiten stellen eigenständige Völker dar, haben eigene Gebäude und eigene Bedürfnisse. Sie sollen sich eben so unterschiedlich wie möglich spielen. Und hier kann man nun einmal den Blick darauf werfen, inwiefern sich auch Anno 1404 des Orientalismus‘ bedient: Haben wir im Spiel das Bild eines überlegenen Westens? Wird der Okzident stärker, größer oder besser als der Orient dargestellt? Ist der Orient ein gleichwertiges Spielelement oder gilt er im Spiel auch als etwas mysteriöses, dem Westen unbekanntes? All diesen Fragen werde ich in diesem Blogeintrag versuchen, nachzugehen. Viel Spass beim Lesen!

Entdecke den Orient

Bevor wir einen Blick in das Spiel werfen, möchte ich noch einen Schritt zurückgehen und auf die Vermarktung von Anno 1404 gucken. Also wie man das Spiel beworben hat. Und was bietet sich da besser an, als einen Blick auf die offiziellen Trailer von Anno 1404 zu werfen. Wenn man sich nun die Darstellung des Orients nur anhand des ersten Trailers anschaut, zeigt sich folgendes Bild: Der Orient sei ein „fremdes und erstaunliches (=wunderbares, mysteriöses?) Land“, aber zugleich wird auch erwähnt, dass es „hochentwickelt“ sei und eigene Technologien besitze. Denn im Trailer wird der Orient als etwas Unbekanntes dargestellt, wozu ja auch der letzte Satz hinweist: „Entdecke den Orient!“. Und man kann ja nur etwas entdecken, was man noch nicht kennt. Die westliche Perspektive wird also gut erkennbar, da es hier die „Europäer“ sind, welche mit Schiffen in den Orient fahren und diesen als eigenständige, aber ganz andere Kultur kennenlernen. Hierzu sei auch gleich erwähnt, dass es historisch gesehen nicht stimmt, dass man erst im Mittelalter mit Schiffen gen Orient gefahren ist. Schon seit der Antike gab es immer wieder Kontakte zwischen europäischen Völkern und dem Orient. Hier will man wohl eine Anlehnung an die zahlreichen Expiditionsreisen von großen Entdeckern um 1500 herum anspielen, welche durchaus neue Länder, Völker oder Kulturen entdeckt haben. Aber der Orient zählt eben nicht dazu, das Spiel hat es aufgrund der Seefahrtsthematik des Spiels dann aber wohl so umgewandelt. Die arabischen Völker aus dem nahen Osten waren im mittelalterlichen Europa bekannt.

So viel zum ersten, jetzt werfen wir mal einen Blick auf den zweiten Trailer zu Anno 1404. Dieser beginnt nun mit einem Perspektivwechsel, ein (nicht näher bestimmter) Bewohner des Orients begrüßt den ankommenden Spieler. Dabei hebt er hervor, dass man eigentlich kein Unbekannter sei, da der Ruf des Spielers dem stolzen Schiff über das Wasser vorrauseile. Sprich: Der Orient kennt uns, wir ihn aber nicht. Im weiteren Verlauf werden dann die Möglichkeiten des Aufeinandertreffens vorgestellt, wobei eines der Angebote ist, dass man „einer von uns (Orient)“ werden könne. Andersherum wird diese Möglichkeit nicht gegeben, was wohl auch daran liegt, dass man selbst als Vertreter des Okzidents auftritt und im Trailer nicht aktiv handelt. Nach einem kleinen Cut endet die Ansprache des Vertreters des Orients dann und es beginnt eine generelle Ankündigung über die Möglichkeiten des Spiels. Dabei wird das Handeln mit „exotischen Waren“ hervorgehoben und ganz zum Schluss, dass man das Abendland zu neuer Blüte führen solle. Aber: nur das Abendland, vom Orient ist hier keine Rede. Aufgrund seiner Platzierung am Ende des Trailer könnte man schon fast daraus schließen, dass die Kontakte mit dem Orient nur geknüpft werden sollen, damit das Abendland davon profitiert und wachsen kann. Aus diesem Grund zeichnen die beiden Trailer ein deutliches Bild: der Orient ist etwas dem Okzident fremdes, exotisch und mysteriös, aber gleichzeitig auch hochentwickelt mit eigenen Technologien. Orient und Okzident wirken auch nicht von gleicher Bedeutung, sondern der Okzident steht leicht im Vordergrund, da man bei ihm anfängt und am Ende noch einmal betont wird, dass das Abendland von diesem Kontakt profitieren solle. Aber so viel erstmal zu den Trailern, stürzen wir uns jetzt mit voller Kraft auf das Spiel!

Wer wohnt denn hier?

Zu Beginn sei gesagt, dass ich mich hier auf das Endlossspiel konzentrieren werde, ein Blick speziell auf die Kampange wird möglicherweise in einem eigenen Beitrag folgen! Denn gerade im Endlossspiel hat man ja die besten Möglichkeiten, ein Spiel in all seinen Facetten kennenzulernen. Zu Beginn geht es immer mit einer Okzidentsiedlung los. Sofern man mit normalen Startbedingungen spielt, muss der Spieler erst eine kleine Okzidentsiedlung bauen, um so Ruhmpunkte zu sammeln. Mit diesen kann man sich den ersten diplomatischen Rang kaufen, wodruch die Grundlagen für eine Orientsiedlung freigeschaltet werden.

Orientgebäude
Beim Baumenü rechts erkennt man die verschiedenen Gebäude, die pro Rang freigeschaltet werden.

Hier spiegelt sich das schon in den Trailern gezeigte Bild wieder: Der Okzident kommt zuerst, danach folgt der Orient. Zudem ist der Spieler schon im Besitz von den Bauplänen der Okzidentgebäude, während die des Orients unbekannt sind und erst „erworben“ werden müssen. Dies wird sich übrigens im ganzen Spielverlauf fortsetzen, Okzidentgebäude brauchen nur die dafür benötigte Einwohnerzahl, Orientgebäude zusätzlich bestimmte mit Ruhm angesammelte diplomatischen Ränge im Orient. Ebenfalls unterscheiden sich die Einwohner in Orient- und Okzidentstädten: Während es im Okzident insgesamt 4 verschiedene Stufen (Bauern, Bürger, Patrizier und Adelige) gibt, leben in den Städten im Orient nur 2 Gruppen: Nomaden und Gesandte. Rein von der Diversität der Gesellschaft ist der Okzident dem Orient im Spiel also überlegen. Und wenn man sich die Bezeichnungen anschaut, wirkt der Okzident hier auch historisch korrekter. Denn Nomaden sind ja eher nicht-sesshafte Menschen, die aus verschiedenen Gründen umherwandern. Bei Anno 1404 geschieht jedoch genau das Gegenteil: Durch Wohngebäude sollen sich Nomaden an einen festen Wohnsitz binden. Daher passt der Begriff hier nicht wirklich, es sollte wohl ein Versuch sein, eine im Orient verbreitete Schicht zu finden, die man den Bauern im Okzident anpassen konnte.

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Die ersten Nomaden haben sich niedergelassen. Jetzt eigentlich NoNomaden…

Auch die Gesandten sind eine ungenaue Bezeichnung, weil man so (auch schon im Mittelalter!) Botschafter bezeichnete, die im Namen des Herrschers Kontakt zu anderen Völkern bzw. Herrschern aufrecht erhielten. Damit waren jedoch nie Bevölkerungsgruppen wie bspw. Adelige in Europa gemeint. Und selbst wenn man die Gesandten im Spiel als Gesandte des Sultans ansieht: warum setzen sie sich im Spiel im eigenen Orient nieder und nicht im neuen Okzident? Fragen über Fragen, die leider nicht beantwortet werden. Auch ein Blick auf die Bedürfnisse von voll entwickelten Einwohnern des Orients und Okzidents zeigt ein ähnliches Bild: Die Adeligen haben 14 Bedürfnisse, während die Gesandten bereits mit 7 Waren zufrieden sind. Damit zeigt sich ebenfalls das Verhältnis von 2:1 für den Okzident. Und die Trennung der Bedürfnisse ist hier strikt geregelt, ein Bauer wird niemals Milch trinken, während die Nomaden eher verdursten, als einen Schluck Most aus dem Lager zu trinken. Ob der Okzident diese Quote auch bei den Gebäuden halten kann, schauen wir uns jetzt einmal an!

Von Kirchen und Moscheen

Ein reiner Blick auf die Anzahl der Gebäude stützt die Quote von 2:1 nicht nur, sondern hebt sie sogar an: 97 unterschiedlichen Gebäuden im Okzident stehen lediglich 30 Gebäude aus dem Orient gegenüber. Hierzu sei aber gesagt, dass bestimmte Gebäude für beide Bereiche gelten können, da deren Ressourcen für Produkte beider Seiten gebraucht werden, was sich im Endeffekt aber nicht viel nimmt: auch hier ist der Okzident bezüglich der Vielfalt viel breiter aufgestellt, als der Orient. Als Beispiel kann man hier die religiösen Gebäude heranziehen: Während die Bewohner im Orient mit einer einfachen Moschee zufrieden sind, benötigen die Einwohner des Okzidents erst eine Kapelle und später eine Kirche.

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Eine Kirche in Anno 1404

Vom Spiel selbst wird keine Begründung vorgegeben, warum man hier zwei religiöse Gebäude benötigt, während der Orient mit einem zufrieden ist. Allgemein geben sich die Bewohner im Orient mit viel weniger Gebäuden zufrieden, neben der Moschee benötigen sie zur Zufriedenheit nur noch das Gebäude Badehaus. Dieses erfüllt nämlich das Bedürfnis „Vergnügen“ bei den Gesandten, scheinbar baut man damit einen Vorgänger der heutigen Spaßbäder. Zudem hätte man auch ruhig die orientalische Originalbezeichnung verwenden können (Hammām), anstatt hier einfach das westliche „Badehaus“ zu benutzen. Denn anstatt des orientalischen Begriffs eine westliche Umschreibung zu verwenden, zeigt doch eher wieder das Bild von einer westlich beschrieben Welt, als von einer eigenständigen Kultur. Für den Okzident gibt es übrigens vier öffentliche Gebäude, die (Kapelle, Schenke, Kirche, Schuldturm) verschiedene Bedürfnisse erfüllen sollen. Der Schuldturm steht dabei für den Faktor Sicherheit, der im Orient gar nicht vorhanden ist. Auch hier landet man also bei der Quote von 2:1 für den Okzident. Es sei noch erwähnt, dass die Gebäude zur Bedürfnisserfüllung strikt getrennt sind: kein Okzidentbewohner kann im Badehaus Vergnügen haben, während die Gesandten in Schenken niemals Freude haben werden.

Ein weiterer Apsekt sind die sogenannten Monumente. Die meisten Gebäude im Spiel werden sofort in der Spielwelt platziert, sofern man genügend Ressourcen dafür hat. Monumente brauchen länger, denn sie haben verschiedene Bauabschnitte, in welcher verschiedenste Baustoffe nach und nach benötigt werden. Solche gewaltigen Monumente zu bauen, ist für den Spieler nur möglich, wenn er eine gut funktionierende Wirtschaft hat und daher stellen sie quasi den Höhepunkt einer Partei Anno 1404 dar. Für Orient und Okzident gibt es hier zwei ähnliche Gebäude: Den Kaiserdom und die Sultansmoschee. Nach der Fertigstellung dieser Gebäude erscheint dann auch entweder der Kaiser oder der Sultan als Nichtspielercharakter, für welchen man Aufträge erfüllen kann. In dieser Hinsicht kann man wirklich von einer Gleichberechtigung beider Seiten sprechen. Aber: es gibt noch ein drittes Monument im Spiel und das kommt aus… (dreimal dürft ihr raten!) dem Okzident! Hierbei handelt es sich um die Speicherstadt, welche die Lagerkapazität einer Stadt um 300t erhöht.

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Hanseatisch angehaucht: Die Speicherstadt in Anno 1404

An den gewaltigen Lagerstätten der Hansestädte orientiert, passt sie natürlich perfekt in ein Spiel wie Anno 1404, sorgt aber wieder für die bekannte Quote von 2:1, dieses Mal bei den Monumenten. Daher zeigt sich auch bei den Gebäuden eine klare Tendenz zum bevorzugen des Okzidents, sowie eine eher westliche Sichtweise auf den Orient.

Eine Frage der Stärke

Schauen wir uns jetzt die Stärke an, welche sich im Spiel vor allem durch die Militäreinheiten und die Schiffe zeigt: bei den Militäreinheiten gibt es auf der westlichen Seite den Bergfried, wo man 3 verschiedene Einheitentypen ausbilden kann. Der Orient besitzt die Orientalische Festung und kann ebenfalls 3 Einheiten ausbilden. Also gibt es hier zum ersten Mal ein Verhältnis von 1:1! Und auch wenn sie die Einheiten beider Seiten unterscheiden, kann man hier keinen grundsätzlichen Unterschied von der Stärke ausmachen. Zwar kann im Okzident die Einheit mit der höchsten Angriffskraft „Großes Heerlager“ gebaut werden, dafür gibt es im nahen Osten die Mineurstellung, wodurch Mauern untergraben werden können. Die Trebuchets des Bergfriedes sind stärker, dafür haben die Kanonen des Orients eine größere Reichweite. Hier hat das Spiel tatsächlich eine ausgewogene Mischung der Kräfte und der Okzident wirkt nicht stärker oder größer dargestellt, als der Orient. Bei den Schiffen sieht es ein wenig anders aus: 5 westliche Schiffe stehen 3 orientalischen gegeüber, wobei man das Flaggschiff des Okzidents nicht selber bauen kann, weil es das Startschiff ist, mit welchem man die Partie beginnt. Auch bezüglich der Stärke ist der Okzident leicht im Vorteil, da man dort die Schiffe mit der größten Stärke und den meisten Trefferpunkten (Großes Kriegsschiff) hat, ebenso das Schiff mit den meisten Lagerkamern (Großes Handelsschiff). Die orientalischen Schiffe besitzen dagegen „nur“ die schnellsten Schiffe. Und mit der Karavelle wieder eine westliche Bezeichnung, wo man auch eine originale hätte benutzen können: qârib. Wobei man hier noch einwerfen kann, dass die Karavelle wohl von der qârib beeinflusst wurde und diese somit auch gemeint ist, auch wenn man den Orient somit wieder westlicher präsentiert. Eine deutliche Überlegenheit des Okzidents zeigt sich in Bezug auf die Stärke aber nicht, hier könnte man noch am ehesten von einem gleichberechtigten Verhältnis sprechen.

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Eine Karavelle des Orients

Fazit

Nach all diesen Analysen können wir nun zutück zur Anfangsfrage kommen und überprüfen, inwiefern Anno 1404 sich wirklich in das Konzept der Orientalismus einreihen lässt. Erst einmal lässt sich feststellen, dass der Okzident rein von den Zahlen her bevorzugt wird. In den meisten Spielelementen gibt es eine Überzahl von Gebäuden, Zivilisationsstufen oder Waren des Okzidents, der Orient wirkt dagegen kleiner. Auch finden sich im Orient einige Bezeichnungen, die aus dem Okzident stammen. Damit nimmt man diesen Sachen ein wenig die Eigenständigkeit und sie wirken vom Okzident fremdbestimmt, was widerum auf die im Orientalismus hervorgehobene Überlegenheit des Okzidents über den Orient hinweist. In Bezug auf die Stärke gibt es weniger Unterschiede, beide Seiten haben in etwa ein gleiches Maß an Stärke, auch wenn dieses sehr verschieden ausfällt. Mysteriös wirkt der Orient dagegen nicht wirklich, denn es gibt keine mystischen Elemente, die den Orient vom Okzident abheben würden. Auch verhalten sich Gebäude und Einheiten nicht anders als im Okzident, was auf den Spieler niemals mysteriös wirkt. Dasselbe Bild zeigt sich bei den Ressourcen, die einfach nur anders sind, aber auf dem Niveau von Milch anstatt Most. Und Milch ist ja vieles, aber nicht Zeichen einer wunderbaren oder mysteriösen Kultur. Was wieder für den Orientalismus spricht, ist die Tatsache, dass beide Parteien strikt voneinander getrennt sind und keine Waren oder Bedürfnisse der anderen Partei teilen. Diese Trennung mag aus spielerischen Gründen Sinn ergeben, wirkt auf den Spieler aber eher verwirrend, wenn Menschen im Orient bspw. kurz vor dem Hungertot sind, während das Lagerhaus voll mit Brot und Fleisch ist: Als „westliche Güter“ werden diese nicht angerührt. Für den Okzident gilt andersherum dasselbe, wodurch beide Parteien einen höheren Grad an Eigenständigkeit bekommen, sich aber gleichzeitig auch voneinander abgrenzen.

Im Großen und Ganzen kann man also klare Tendenzen zum Orientalismus erkennen: Orient und Okzident sind größtenteils voneinander getrennte Völker im Spiel, wobei der Okzident vor dem Orient platziert ist: er hat mehr Gebäude, mehr Waren, mehr Monumente und man muss sich immer von ihm zum Orient hinarbeiten. Dazu sind einige Begriffe des Orients nicht im Original, sondern durch westliche Begriffe ersetzt wurden. Nur der Aspekt des mysteriösen und wunderbaren Orients wird nicht aufgegriffen, da er sich vom Spiel her so pragmatisch wie der Okzident spielt und auch sonst keine mystischen Elemente wie bspw. eine Armee von fliegenden Teppichen hat. Wenn man sich dessen nun bewusst ist, kann man noch fragen, wieso wir hier ein solches Bild haben? Wollten die Entwickler mit dem Spiel wirklich einer Überlegenheit des Okzidents gegenüber dem Orient ausdrücken? Wahrscheinlich ist der Grund dafür aber sogar einfacher: Gute Videospiele zeichnen sich meistens davon aus, dass es viele Parteien gibt, die sich auch unterschiedlich spielen. Und wenn man sich bewusst ist, zum ersten Mal in der Anno-Geschichte ein zweites spielbares Volk einzuführen, wollte man auch etwas wählen, dass sich möglichst vom typischen europäischen Setting unterscheidet.

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Das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen war das Leitmotiv von Anno 1404

Weil wir uns 1404 noch im Mittelalter befinden, gab es nicht so viele Möglichkeiten, weshalb man sich für den Orient entschieden hat. Deshalb bietet es sich natürlich an, dass weit verbreitete Konzept von Orient und Okzident zu benutzen und möglichst detailliert anzuwenden. Denn im Endeffekt will man das Spiel ja auch (im Westen!) verkaufen und da hat die Anlehnung an populäre Vorstellungen wohl einen höheren Wert vor der kulturhistorischen Genauigkeit. Daher will ich die Entwickler hier auch nicht kritisieren, sondern eher darauf hinweisen, dass hier wohl viele in der Orientalismustheorie kritisierte Punkte unbewusst übernommen wurden. Und darauf wollte auch Edward Said hinweisen, dass dieses starre „Orient – Okzident“-Bild fast schon unbewusst Teil der westlichen Kultur ist.

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