Staatsoberhäupter in Civilization V

Wer bin ich?

Eine der beliebtesten Frage in der Geschichte ist die Frage nach dem „Was wäre wenn?“. Was wäre, wenn Alexander nicht schon 323 v.Chr. gestorben wäre, sondern wohlmöglich ganz Arabien und den Mittelmeerraum eingenommen hätte? Wären wir heute alle Griechen? Hätte Rom überhaupt Platz zum ausbreiten bekommen? Was wäre, wenn Napoleon damals nicht weiter nach Russland, gezogen wäre, sondern sich um die Verwaltung seines bisherigen Staatsgebiets gekümmert hätte? Wären wir heute alle Franzosen und das französische Skatblatt hätte sich auch in Bayern durchgesetzt? Was wäre gewesen, wenn Süleyman I. 1529 die Belagerung Wiens nicht abgebrochen, sondern erfolgreich beendet hätte? Wären wir dann heute alle Osmanen (Oder Türken) und würden alle Kebab essen? Ok, das letzte Beispiel ist wohl schon eingetreten, aber ansonsten könnte man tausende Beispiele finden, in welchen das Handeln einzelner Herrscher große Auswirkungen auf die Geschichte gehabt hat. Da es für solche „Was wäre wenn?“-Fälle keine Lösungen, sondern nur sehr unterschiedliche Meinungen gibt, kann man sich solche Fragen also nur in fiktiven Szenarien stellen und Civilization bietet genau dies: man schlüpft in die Rolle eines großen Staatsmannes (oder einer Staatsdame!) und kann sich dann sogar entscheiden, ob man denselben Weg wie das „Original“ geht oder bspw. aus dem eigentlich friedlichen Gandhi einen wütenden Kriegstreiber macht!

Denn bevor man sich an eine Partie Civilization setzen kann, muss man vor dem Spiel noch einige Spieleinstellungen festlegen. Neben Landfläche, Alter der Erde oder Klima muss man sich ebenfalls für eine Zivilisation entscheiden, mit welcher man denn nun spielen möchte. Jede Zivilisation wird nun durch einen Herrscher dargestellt, welcher sie repräsentiert. Otto von Bismarck steht bspw. für das Deutsche Reich, während George Washington der Anführer der Amerikaner ist. Weiterhin hat jedes Volk (und damit auch jeder Anführer) eigene Boni, die nur die eigene Zivilisation hat. All diese Aspekte vermitteln dem Spieler also schon ein Geschichtsbild, ohne dass auch nur eine Runde simuliert wurde. Denn, wenn man bspw. In einer Runde sehr aggrssiv spielen will, sucht man sich eher eine Zivilisation aus, welche einen militärischen Bonus hat. Damit verbunden wählt man ebenso einen Anführer und könnte auf den Gedanken kommen, dass dieser in der echten Geschichte als Feldherr seine größten Erfolge hatte. Ob dies immer stimmt und was sonst noch über die Auswahl des Anführers möglicherweise an historischen Bildern vermittelt wird, ist nun Thema dieses Blogeintrags: Welche Herrscher gibt es im Spiel? Aus welchen Regionen kommen sie? Wie ist die Aufteilung nach Geschlechtern? Diese und weitere Fragen werden ich nun versuchen, zu beantworten. Viel Spass beim Lesen!

Geschichte über Gesichter – personenbezogene Geschichtsschreibung

Die wohl subtilste Botschaft, die über die Entscheidung für einen Anführer vermittelt wird, ist, dass Geschichte eben von großen Persönlichkeiten gemacht wird. Dieses Stilmittel ist sehr beliebt, wenn es darum geht, Geschichte interessant zu gestalten. Nicht umsonst arbeiten auch viele Histotainment-Formate (Die Deutschen bspw.) so, dass sie eine Person als Stellvertreter für eine bestimmte Epoche einsetzen und dessen Geschichte wie ein roter Faden durch das Programm führt.

Die Deutschen
Einzelpersonen als roter Faden für die Geschichte: Die Deutschen

In Civilization 5 dienen diese großen Persönlichkeiten aber weniger als roter Faden, sondern vielmehr als großer Vertreter eines Volkes. Auch dadurch geschieht eine Form der Geschichtsvermittlung, wenn man eine Person auswählen muss, die ein gesamtes Volk vertritt. Das Spiel präsentiert dem Spieler also diejenigen Herrscher, welche die Entwickler für die größten Anführer in der Geschichte eines Volkes halten. Ist Bismarck also der größte Deutsche aller Zeiten? War Augustus bedeutender als Julius Cäsar? Interessant ist ebenfalls, dass einige Persönlichkeiten dabei sind, welche nie Staatsoberhäupter des zu vertretenden Volkes waren. Otto von Bismarck war bspw. als Reichskanzler (formell) immer dem jeweiligen Kaiser unterstellt. Hier liegt natürlich die Vermutung nah, dass man vor allem Persönlichkeiten gesucht hat, die die meisten Menschen auch mit einem Volk assoziieren. Dabei muss aber beachtet werden, dass hier in der engeren Auswahl wohl einige Figuren gewesen wären, die sich für ein Spiel, welches Civilization immer noch ist, nicht angeboten hätten. Adolf Hitler für Deutschland wäre ein Beispiel, Mao Zedong (China) oder Josef Stalin (Russland) andere, die beiden letzteren kamen in früheren Teilen der Serie sogar schon vor. Denn im Gegensatz zu der negativen Rezeption Hitlers in Deutschland, gibt es in China oder Russland auch noch viele Leute, die versuchen, Mao oder Stalin trotz der vielen Opfer ihres Regimes positiv darzustellen. Aber bei einem Spiel, welches man möglichst global vermarkten möchte, sollte man natürlich auf „allgemein akzeptierte“ Personen der Geschichte zurückgreifen.

Geschichte ist… männlich

Von den 43 Anführern in Civilization 5 sind 34 männlich und 9 weiblich. Das entspricht etwa einer Frauenquote von 20%. Damit folgt Civilization soweit erstmal dem für lange Zeit dominanten männlichen Geschichtsbild. Frauen waren für die Geschichtsforschung lange nicht interessant gewesen, erst in den 1970er Jahren entstand aus der Frauenbewegung die sogenannte Frauengeschichte (eng.: Herstory!), welche sich mit der Rolle von Frauen in der Geschichte beschäftigen sollte. Dabei konzentrierte man sich natürlich auf vielfältige Geschichtsbilder, für uns sind aber vor allem Frauen als Herrscher interessant. Auch wenn diese absolut gesehen in der Unterzahl gegenüber ihren männlichen Kollegen waren, so gab es doch einige für die jeweilige „Nation“ durchaus relevante Namen. Hatschepsut als große altägyptische Königin, Boudicca als keltische Widerstandskämpferin gegen die Römer oder Maria Theresia als regierende Erzherzogin von Österreich. Hier könnte man noch weitere Namen nennen, aber einfaches Aufzählen von Personen wäre hier wenig zielführend. Denn im Prinzip gibt es nur eine wirklich große Nation, bei welcher man die weiblichen Staatsoberhäupter eher in Erinnerung hat, als die männlichen: England. In der englischen Geschichte gibt es zwei große Namen, die prägend für ein ganzes Zeitalter waren und diesem auch ihren Namen gegeben haben: das Elisabethanische Zeitalter (1558 – 1603) unter Elisabeth I. und das Viktorianische Zeitalter (1837 – 1901) unter Victoria. Dazu hält die aktuelle britische Königin, Elisabeth II., mittlerweile den Rekord für die am längsten amtierende Regentschaft (der vorherige gehörte Victoria). Die Bedeutung der Frauen für die englische Geschichte zeigt sich auch darin, dass im ersten Teil der Serie (1991, fernab also von jeder Frauenquotendebatte!) Elisabeth I. die einzige weibliche Herrscherin war, welche man auswählen konnte.

elisabeth
Seit Civilization I immer dabei: Elisabeth

Mittlerweile hat sie 8 Mitstreiterinnen bekommen und zusammen widerlegen sie das Bild der männlichen Geschichte zwar nicht, zeigen aber auf, dass es die ein oder andere Frau gegeben hat. Witzigerweise führte man bereits im zweiten Teil der Serie eine 50%-Quote ein, jede Nation konnte also wahlweise von einem männlichen oder weiblichen Staatsoberhaupt gespielt werden. Die Folge war: bei vielen Nationen musste man sich eine weibliche Herrscherin ausdenken, so konnte man als Shakas weiblichen Gegenpart bspw. Shakala nehmen.

Geschichte ist… europäisch

Wenn man sich an den Geschichtsunterricht seiner eigenen Schulzeit zurückerinnert, kommt man wahrscheinlich schnell auf die folgende grobe Zeiteinteilung: Die Antike mit Römern und Griechen, das Mittelalter mit Päpsten und Fürsten und die Neuzeit mit Kriegen und Hitler. Bei genauerer Betrachtung fällt dabei auf, dass all diese Sachen sehr europäisch geprägt sind. Außereuropäische Themen kommen sehr selten vor und beschränken sich dann meistens auf kurze Themengebiete. Auch in Civilization findet man diese Strömung wieder: von den 43 Staatsoberhäuptern kommen die meisten aus Europa (16), danach folgt Asien mit 8 Anführern auf Rang 2, wobei ich arabische bzw. orientalische Herrscher aufgrund ihrer einzigartigen Bedeutung für die Geschichte noch einmal extra gezählt habe (da wären es dann 5). Aus Amerika kommen 7 Staatsoberhäupter und aus Afrika 6, während sich Ozeanien alleine mit Kamehameha zufrieden geben muss. Ist Weltgeschichte also europäisch geprägt? Oder konzentriert sich das Spiel nur darauf, möglichst viele bekannte Persönlichkeiten in das Spiel einzubauen, um es besser vermarkten zu können? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen, denn der europäische Einfluss, vor allem auf Amerika, ist tatsächlich enorm. Wahrscheinlich ist es auch gar nicht möglich, amerikanische Geschichte ohne die europäische zu betrachten, denn die meisten Amerikaner stammen selbst von ehemaligen Auswanderern aus Europa ab. Nicht umsonst sind die Bindungen zwischen den europäische Staaten und (Nord-)Amerika heute immer noch größer als zu anderen Teilen der Erde. Von Amerika abgesehen lässt sich aber nur schwierig ein allumfassender Bezug zur Weltgeschichte herleiten. Bis zur Neuzeit hin waren kontinentale Konflikte eher auf den jeweiligen Kontinent beschränkt, Handlungen in Europa haben bspw. in Asien eher wenig Auswirkungen gehabt. Natürlich gibt es hier Ausnahmen, aber diese sind doch meistens auf der militräischen Seite zu finden. Eine besondere Ausnahme stellen hier die Eroberungszüge Alexanders des Großen dar, weil sie auch langfristig für eine Veränderung der Kultur in den Südwest-Asiatischen Gebieten geführt haben. Erst ab der Neuzeit lässt sich durch den Kolonialismus, durch die europäischen Handelszentren und die schon angesprochene Entdeckung Amerikas am ehesten von einer Europäisierung der Welt sprechen.

Chulalongkorn
Asiatischer Herrscher in europäischem Gewand: Chulalongkorn

Das zeigt sich ebenfalls daran, dass Europa (außer sich selbst) alle anderen Kontinente benannt hat. Insofern ist diese Zentralisierung auf Europa von Civilization nicht verkehrt, wird aber auch vermarktungstechnische Gründe haben. Europa und Amerika (Platz 1 und 2 der Staatsoberhäupter!) stellen nämlich das Hauptverkaufsgebiet von Civilization dar und wenn man nun für möglichst viele Länder einen ehemaligen Herrscher im Spiel hat, kann man natürlich besser damit werben. So darf sich dann bspw. Schweden auf einer Stufe mit Deutschland oder Frankreich sehen, was die Bedeutung für die Geschichte angeht.

Geschichte ist… imperialistisch

Jedes Volk (bzw. jeder Anführer) hat in Civilization einen bestimmten Bonus für das Spiel. So kriegt Ägypten durch Ramses bspw. den Bonus, dass die Produktionsgeschwindigkeit für Wunder 20% höher ist, als bei anderen Zivilisationen. Die Zulu dagegen bekommen durch Shaka den Bonus, das Nahkampfeinheiten 50% weniger Unterhalt kosten und Einheiten 25% weniger Erfahrung für eine Beförderung brauchen. Generell schreiben einem diese Boni natürlich nicht vor, wie man das Spiel zu spielen hat, aber geben sie doch Tendenzen für die möglichst erfolgreiche Spielweise eines Volkes. Wer also bspw. die Zulu nimmt, sollte auch möglichst aggressiv spielen, um den Bonus effektiv benutzen zu können. Ansonsten wäre der Bonus verschwendet und man hätte einen Nachteil gegenüber den anderen Zivilisationen, welche ihren Bonus nutzen. Die jeweiligen Boni sind zwar relativ verschieden, wenn man sie aber ein wenig zu sortieren versucht, indem man Überkategorien erstellt (wie etwa militärische Boni, finanzielle Boni usw.), kommt man zu einem ziemlich deutlichen Bild: 16 Völker haben einen „militärischen Bonus“, auf dem nächsten Platz (8) würden Boni kommen, die zur Erschaffung eines großen Reiches dienen. Damit stehen also über der Hälfte der Zivilisationen bei Civilization 5 Boni zur Verfügung, die darauf hinzielen, ein großes Reich zu erschaffen, indem man es sich 1. erobert oder 2. aufbaut. Bis auf finanzielle Boni (6 Nationen) finden sich ansonsten sehr vielfältige Boni, die aber nur auf höchstes 3 Nationen zutreffen. Rein auf diese Boni wird also über das Spiel ein Geschichtsbild vermittelt, welches vor allem von Kriegen und großen Reichen geprägt ist. Tatsächlich sind es in der Geschichtsschreibung lange Zeit die großen Feldherren gewesen, über welche man geschrieben hat. Da diese meistens auch noch erfolgreich in der Politik waren und so die Geschicke einer Nation gelenkt haben, waren diese eben nicht nur eindimensional Feldherren, sondern viel mehr darüber hinaus. Alexander der Große hat bspw. nicht nur den ganzen arabischen Raum und Teile Asiens ohne Plan erobert, sondern eine konsequente Politik verfolgt, die eroberten Länder in die eigene Kultur miteinzubringen und so ein mächtiges Reich zu erschaffen. Über solche Anführer lässt es sich natürlich besser berichten, als über solche, in welchen zwar Frieden herrschte, aber militärisch wenig passiert ist. Wobei man hier sagen muss, dass es natürlich Ausnahmen gibt, die gerade wegen ihrer Blütezeit Ruhm erlangt haben (bspw. Ludwig XIV.). Da Krieg bis in das 20. Jhdt. Hinein gemeinhin als normales diplomatisches Mittel gesehen wurde, hatte man noch keine so negative Verbindung zu diesem Begriff, wie sie heute existiert. Heute würde man auch nicht auf die Idee kommen, einem anderen Land den Krieg zu erklären, um durch eine Eroberung mehr Land zu bekommen (hat hier irgendwer die Krim erwähnt…?). Lobenswert ist aber der Weg, durch die individuellen Boni differenziertere Sichtweisen zu Staatsoberhäuptern zu vermitteln, sodass militärische Boni zwar immer noch im Vordergrund stehen, aber auch weniger kämpferische Staatsoberhäupter so den Weg ins Spiel finden können, weil man ihre Leistungen anders im Spiel würdigen kann.

Übereinstimmung von Anführer/Nation/Fähigkeit?

Da jedes Volk seinen eigenen Bonus hat und sich alle relativ unterschiedlich anfühlen sollen, kann man sich abschließend noch die Frage stellen, inwiefern die Boni denn nun auch zum jeweiligen Anführer bzw. Volk passen. Denn es wird eine historische Botschaft vermittelt, wenn man gerade als Ägypten einen Produktionsbonus beim Bauen von Wundern bekommt. Als Spieler vermutet man dann wahrscheinlich, dass die Ägypter unter Ramses einige große Bauwerke errichtet haben. Und tatsächlich: viele (auch heute noch) bekannte Bauwerke sind unter seiner Herrschaft errichtet wurden, das bekannteste dürfte der Tempel von Abu Simbel im Süden von Assuan sein.

Abu_Simbel
Bekanntes Bauwerk: Der Tempel von Abu Simbel

Daneben lies er zahlreiche andere große Tempel erbauen und mit Pi-Ramesse gleich eine neue Hauptstadt errichten. Natürlich hat er ebenfalls auf anderen Gebieten größere Leistungen vollbracht, aber primär verbindet man ihn doch mit einer kulturellen Hochphase der Ägypter, welche eben durch die vielen großen Bauten repräsentiert wird. Aus diesem Grund ist Ramses II. ein Beispiel, wo die spielerische Zuschreibung mit der historischen Wirklichkeit sehr gut zusammenpasst. Tatsächlich gibt es viele weitere Beispiele, welche in dieser Hinsicht sehr passend sind. Der Bonus von Elisabeth I. trägt den Namen „Nie untergehende Sonne“ und verschafft den Engländern einen Zugbonus für Marineeinheiten sowie zusätzliche Spione ab der Renaissance. Gerade der erste Bonus passt perfekt in das Elisabethanische Zeitalter, in welchem die Engländer vor allem durch ihre Schiffe auf der ganzen Welt Kolonien gründen und ihren Machtbereich ausbauen. Der zweite Bonus dürfte wohl als Anspielung auf den berühmten britischen Geheimdienst MI6 zu verstehen sein, tatsächlich hatte man aber wohl auch schon im 16. Jhdt. ein größeres Spionagenetzwerk, welchem unter anderem Maria Stuart 1857 zum Opfer fiel, als Elisabeths Spione ein mögliches Komplott dieser aufdeckten. Anstatt sich nun damit zu beschäftigen, was sehr gut übereinstimmt, lohnt es sich eher, ein Blick auf interessante „Abweichungen“ zu werfen:

Äthiopien besitzt bspw. den Bonus „Geist von Adua“, welcher auf den Sieg der äthiopischen Armee gegen die italienische Invasionstruppen anspielt. In diesem gelang es den zahlenmäßig unterlegenen Äthiopiern, die große Übermacht aus Italien zu besiegen und einer der wenigen unabhängigen Staat auf dem afrikanischen Kontinent zu bleiben. Daher besagt dieser Bonus auch, dass man gegen Zivilisationen mit mehr Städten eine Kampfbonus von 20% bekommt. Als Anführer hat man für Äthiopien jetzt aber Haile Selassie, welcher zum Zeitpunkt der Schlacht gerade einmal vier Jahre alt war und erst später als Modernisierer Äthiopiens berühmt wurde. Hier passen Bonus und Anführer also nicht wirklich zusammen, aber da beide höchst bedeutend für Äthiopien sind, hat man sich wohl entschieden, sie hier ein wenig zu verknüpfen.

Byzanz hat Theodora I. (ca. 500 n.Chr. – ca. 550 n.Chr., die Gattin Justinians I.) als Anführerin und den dazugehörigen Bonus: Patriarchat von Konstantinopel. Dieser bezieht sich auf die religiöse Trennung des oströmischen Reiches vom weströmischen Reich. 451 wurde auf dem Konzil von Chalcedon festgelegt, dass der Bischof von Rom keinen Vorrang vor dem Patriarchen von Konstantinopel haben sollte, was der Grundstein für die spätere Spaltung der Kirche in die Westkirche und in die orthodoxen Ostkirchen war. Faktisch wurde der Patriarch von Konstantinopel damit zum Anführer einen eigenen religiösen Bewegung erhoben und trägt (bis heute) den Titel des Oberhaupts der orthodoxen Christenheit. Mit all diesen religiösen und politischen Maßnahmen hatte Theodora I. aber eher wenig zu tun. Zwar galt sie durchaus als einflussreich und wird von einigen Historikern als Justinians Mitregentin bezeichnet, aber religionspolitisch sind ihre Erfolge doch eher unbedeutend gewesen. Weiterhin hat weder sie, noch ihr Gatte, jemals den Titel „Patriarch von Konstantinopel“ getragen, sodass dieser Bonus in Kombination mit Theodora I. ein wenig verwirrend wirken kann. Die ansonsten bedeutsame Rolle Konstantinopels bzw. des byzantinischen Reichs für die orthodoxe Ostkirche steht natürlich außer Frage.

Auch bei China passen Anführerin und Bonus nicht ganz zusammen. Wu Zetian, welche von ca. 625 bis ca. 705 n.Chr. lebte, hat bspw. nicht viel mit dem Bonus „Kunst des Krieges“ zu tun, welcher natürlich ein klarer Verweis auf das berühmte Buch über die Kriegskunst von Sunzi aus dem 6. Jhdt. v. Chr. ist. Die Kunst des Krieges gilt auch heute noch als eines der wichtigsten Werke zum Thema Kriegskunst. Ihr eigener militärischer Ruhm hielt sich jedoch in Grenzen, Verwaltungsreformen und der Fakt, dass sie die einzige weibliche Herrscherin der chinesischen Geschichte ist, dürften für ihre große Popularität sorgen. Eventuell kann man es als Anpassung an den modernen Zeitgeist sehen, dass man sich hier für Wu Zeitan anstatt eines anderen Anführers entschieden hat, denn zum ersten Mal ist es nicht (nur) Mao Zedong, welcher China repräsentiert (bis auf die Ausnahme Civilization 2, wo Wu Zeitan bereits auftrat, um die „Frauenquote“ zu erfüllen).

Gut 2000 Jahre trennen Otto von Bismarck als „Anführer“ Deutschlands und den dazugehörigen Bonus Furor Teutonicus voneinander. Während Bismarck vor allem als Einiger des Deutschen Reichs im 19. Jhdt. seinen Ruhm erlangte, stammt der Zivilisationsbonus wohl aus der Feder des römischen Dichters Lukan. In seinem Epos bellum civile beschreibt er mit Furor Teutonicus (dt.: teutonische Raserei) den vermeintlich herausragenden Charakterzug der Teutonen, in der Schlacht sehr wild zu kämpfen, in Abgrenzung zum geordneten Vorgehen der römischen Legionäre. Im Mittelalter wurde dieser Begriff gerne benutzt, um deutsche Aggressionen zu umschreiben. Tatsächlich ist es aber auch Bismarck selbst, welcher diesen Begriff in einer Rede nutzt, um die mögliche Stärke eines geeinten Deutschlands zu demonstrieren:

Mitschnitt Bismarck
Ein Teil der Rede aus der Originalmitschrift vom 6.2.1888 (inklusive Applaus!)

Dann wird das ganze Deutschland von der Memel bis zum Bodensee wie eine Pulvermine aufbrennen und von Gewehren starten, und es wird kein Feind wagen, mit diesem furor teutonicus, der sich bei dem Angriff entwickelt, es aufzunehmen. [6.2.1888]

Frankreich wird in Civ 5 von Napoleon angeführt und hat den Bonus Stadt des Lichts, welcher alle Themen-Boni von Museen oder Weltwundern erhöht. Das bedeutet eine höhere Tourismus-Produktion und eine bessere Chance für den Kultursieg. Der Bezug zu diesem Bonus bezieht sich natürlich auf Paris, welches den Beinamen Stadt des Lichts trägt.

Paris_Night
Paris bei Nacht: Der Beiname existiert nicht ohne Grund.

Dieset Titel stammt aber nicht von Napoleon (welcher auch mehr als Feldherr anstatt als Förderer von Kunst und Kultur bekannt war), sondern ist wohl um das Jahr 1830 entstanden. Die Entstehung dieses Beinamens ist jedoch nicht ganz klar, eine Theorie besagt, dass er mit einer Pflicht, nachts Lampen an jedem Fenster aufzustellen, um Vebrechen vorzubeugen zusammenhängt. Eine andere bezieht sich auf die flächendeckende Bereitstellung von Gaslaternen für die Straßenbeleuchtung, welche für die damalige Zeit geradezu revolutionär war. In Bezug auf diese Geschichte spielt der Erfinder des Leuchtgases, Philippe Lebon, eine tragische Rolle. Denn er hat von der Berühmtheit seiner Erfindung nicht mehr viel mitbekommen, da er schon 1804 verstarb. Unter ungeklärten Umständen wurde er am Tag von Napoleons Selbstkrönung tot in den Straßen von Paris aufgefunden, während er an der Beleuchtung der Festlichkeiten gearbeitet hat. Insofern muss man fast schon sagen, dass Paris seinen Beinamen nicht wegen, sondern trotz Napoleon bekommen hat! Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass Napoleon auch als Bauherr in Paris nicht untätig war, unter anderem stammt die Rue de Rivoli aus dieser Zeit.

Japans Anführer Oda Nobunaga lebte von 1534 bis 1582 und gilt bis heute noch als einer der größten Kriegsherren der japanischen Geschichte. Dementsprechend passt der Bonus Bushido, ein Verhaltenskodex aus dem japanischen Militär, eigentlich auch ganz gut zu ihm. Im Spiel verhindert er, dass japanische Einheiten an Stärke verlieren, wenn sie geschwächt sind, was sich auf einige Hauptforderungen des Bushio bezieht (u.A. Tapferkeit). Das Problem ist hier, dass der Begriff Bushido zum ersten Mal 1616 auftauchte (34 Jahre nach Nobunagas Tod) und zu dieser Zeit kein allzu bedeutender gewesen ist. Erst im 20. Jahrhundert wurde er wiederentdeckt und romantisiert auf viele Beispiele der Vergangenheit bezogen, was aber historisch nicht korrekt ist. Auch in Civ 5 ist dieser militärische Bonus mit einem großen Feldherren als Anführer vom spielerischen Aspekt sicherlich passend, historisch gesehen aber falsch.

Dasselbe Beispiel trifft ebenfalls auf die Niederlande zu, denn Wilhelm von Oranien wurde 1533 geboren und starb als Anführer der Rebellion gegen die spanische Herrschaft in einer Schlacht 1584. Der dazugehörige Zivilisationsbonus, die Niederländische Ostindien-Kompanie, welche den Niederländern einen Bonus beim Handel mit Luxuswaren gibt, hat mit Wilhelm historisch gesehen wenig zu tun, denn sie wurde erst 1602 gegründet. Aber auch hier hat man wieder zwei historisch nicht zusammenpassende Inhalte gewählt, weil sie beide wichtige Teile der niederländischen Identität sind.

Bei den Polen hat man sich mit Kasimir III. für einen Anführer aus dem 14. Jhdt. entschieden, während der den Polen zugehörige Bonus den Titel Solidarität trägt. Und dieser ist nicht etwa auf besonders solidarisches Handeln Kasimirs zurückzuführen, sondern trägt den wohl aktuellsten historischen Bezug des Spiels in sich. Denn tatsächlich bezieht sich der Name auf den Gewerkschaftsstreit der polnischen Arbeiter in den 1980er Jahren. Diese Gewerkschaft trug den Namen Solidarność, was zu Deutsch „Solidarität“ heißt und war der entscheidende Faktor hinter der Wende in Polen 1989 und der Bildung der dritten polnischen Republik. Da der Gewerkschaftsvorsitzende Lech Wałęsa in den ersten freien Wahlen 1990 gleich zum Staatspräsidenten gewählt wurde, wäre es natürlich eine interessante Idee gewesen, ihn als Anführer in das Spiel einzubinden, da man so gleich eine Verknüpfung zwischen Bonus, Volk und Anführer gehabt hätte. Aber da sich die Serie wohl auf historische (= verstorbene) Personen beschränkt, ist daraus (noch) nichts geworden.

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Polens erster frei gewählter Staatspräsident: Lech Walesa

 

Portugals Bonus, Mare Clausum (Lateinisch für „geschlossenes Meer“), hat ebenfalls wenig Bezug zu der portugiesischen Herrscherin Maria I.. Denn Mare Clausum steht als Begriff stellvertretend für die portugiesische (und spanische!) Politik in Bezug auf das Seevölkerrecht im Zeitalter der Entdeckungen. Die beiden iberischen Staaten waren nämlich Gegner eines Mare librum (Offenes Meer) und vertraten die Ansicht, dass die See (bzw. die Küsten) den jeweiligen Hoheitsgebieten der angrenzenden Landflächen gehören sollten. Große Meere, wie etwa der pazifische Ozean, sollten unter verschiedenen Staaten aufgeteilt werden. Der Sinn dahinter war natürlich, für das Durchqueren des eigenen Gebietes, von anderen Nationen Geld zu verlangen (wodurch sich auch der spielerische Bonus erklärt, für Handelswege über Wasser mehr Gold zu bekommen), so wie es zur damaligen Zeit bei Landhandelswegen üblich war. Spätestens mit dem Einstieg anderer Nationen in den Kolonialismus Anfang des 17. Jhdts. verlor diese Ansicht auf internationalem Boden an Bedeutung und das Prinzip des freien Meeres setzte sich durch. Maria I. wurde 1734 geboren, hier liegt also eine Zeitspanne von über 100 Jahren zwischen Anführerin und Zivilisationsbonus. Wie schon bei Portugal nimmt man einen Bonus, welcher sich zwar auf eine der bedeutendsten Phasen der Volksgeschichte bezieht (Zeitalter der Entdeckungen), aber nichts mit dem Anführer zu tun hat.

Fazit

Wenn man es auf die Spitze treiben will, ist das typische Staatsoberhaupt nach Civilization 5 männlich, europäisch und ein großer Feldherr. Man kann daran doch sehen, dass sich die Serie immer noch stark an Herkunftsland und Zielgruppe orientiert und ebenso an dem in der Geschichte lange Zeit verbreiteten Bild von einem (männlichen) großen Staatsoberhaupt, welches gleichzeitig militärisch aktiv war. Dies ist wohl auch das Bild, welches den meisten Menschen haben, wenn man sie nach einem großen Anführer aus der Geschichte fragt. Erwähnenswert ist aber, dass sich die Serie hier langsam öffnet und versucht, Frauen nicht nur als Ausnahme in der Geschichte darzustellen und große Staatsoberhäupter nicht nur mit großen Militäranführern gleichzusetzen. Nur die Konzentration auf Europa als „historisches Zentrum“ wird man wohl in Hinblick auf die Vermarktung des Spiels auch in zukünftigen Teilen nicht aufbrechen.

Bezüglich der Übereinstimmungen sind hier viele stimmig und es ergibt sich seine historische Verbindung zwischen Anführer, Nation und Bonus. Die Ausnahmen beziehen sich fast immer darauf, dass Bonus und Anführer zwar historisch zur jeweiligen Nation passen, aber zeitlich wenig miteinander zu tun haben. Aber dies ist wohl auch so gewollt, denn es geht nicht darum, historisch fundierte Menschen zu erfreuen, sondern Menschen, die ein gutes Videospiel spielen wollen, eine möglichst gut spielbare Umgebung zu schaffen. Und da sind es dann doch meistens die bekannten Namen und Ereignisse, mit welchen sich am leichtesten ein „Aha-Effekt“ einstellt. Frankreich ist das das beste Beispiel: jeder verbindet Napoleon und Paris, die Stadt des Lichts, sofort mit Frankreich, die Identifikation, wenn man nun Frankreich spielt, ist also gelungen. Auch wenn die historische Verbindung zwischen Anführer und Bonus hier nicht wirklich vorhanden ist. Diese wäre vorhanden, wenn man Ludwig XVIII. oder Karl X. in Verbindung mit diesem Bonus als Anführer hätte, aber ob man mit diesen jetzt ein internationales Spiel bewerben könnte, steht wieder auf einem anderen Blatt. Aber eventuell hätte man aus ihm dann zumindest im Civilization-Universum eine große Persönlichkeit machen können. Zwar nur für eine Runde, aber die kann ja auch länger gehen, als man denkt.

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