Gibts die noch? – Age of Empires II Völker-Spezial [Teil 4]

Sarazenen

Die Sarazenen sind ein schönes Beispiel für ein Volk, welches es nicht nur heute nicht mehr gibt (ein früher Spoiler!), sondern welches auch damals nicht wirklich existiert hat. Wie kann ein Volk nicht wirklich existieren? Indem man einfach mehrere Völker unter einem großen Titel zusammenfasst. Und dieser umfassende Begriff kommt nicht von den ortsansässigen Völkern selbst, sondern von Menschen aus einer ganz anderen Gegend. Und das sind in diesem Fall (wieder Mal) die Europäer. Zur Zeit der islamischen Expansion im 7. und 8. Jahrhundert n. Chr. war die große Anzahl der arabischstämmigen Völker für den europäischen Kontinent wohl einfach zu groß. Daraus entstand dann das Bedürfnis, einen einfach Sammelbegriff zu nutzen, um sich nicht mit dieser ethnischen Vielfalt auseinandersetzen zu müssen. Man entschied sich schließlich für „Morgenländer“ als Sammelbegriff (ein europäischer Klassiker) und dieser sollte stellvertretend erst alle arabischen, schließlich aber alle muslimischen Völker beinhalten. Erst in der Neuzeit verschwand dieser Begriff langsam aus dem Sprachgebrauch, sodass er in Age of Empires II sicherlich nicht falsch verwendet wird, aber gleichzeitig auch die stark westlich orientierte Sicht des Spiels aufzeigt.

Slawen

Aus persönlicher Sicht muss ich sagen, dass kein Volk so präsent ist, wie die Slawen. Im wunderschönen Ostholstein finden im Oldenburger Wallmuseum einmal jährlich die Slawentage statt, an welchen an die slawische Zeit an der Ostseeküste erinnert wird. Aus dem ursprünglichen Namen Aldinburg leitet sich dann auch der heutige Name ab. Aber nicht nur in Ostholstein, sondern vor allem in Osteuropa waren die Slawen im Mittelalter die vorherrschende Volksgruppe, aus welcher viele heutige Völker „hervorgingen“. Staaten wie die Slowakei haben ihren Namen nicht von umsonst, auch wenn der genaue Ursprung dieses Namens nicht ganz gesichert ist. Dabei lassen sich die Slawen in drei verschiedene, regionale Ausprägungen aufteilen: Die Westslawen, die Ostslawen und die Südslawen: Somit finden wir heute von Russland bis Polen und Montenegro auch heute noch Slawen auf dem europäischen Kontinent, wenngleich die „untergeordnete“ Ethnie dabei immer die größere Rolle spielen dürfte: eine panslawistische Bewegung gilt heutzutage als aussichtslos, da sich die einzelnen Völker weniger als Slawen, sondern mehr als eigene Nation sehen. Wer dennoch Lust hat, ein paar Einblicke in die slawische Welt zu bekommen, sollte sich nächstes Jahr ein Wochenende frei nehmen und den Slawentagen in Oldenburg einen Besuch abstatten! Soviel zur Werbung für den heutigen Blogartikel!

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Volle Kraft voraus: Die Slawentage in Oldenburg i.H.

Spanier

Das gute an dieser kleinen Serie ist, dass sie einen Einblick in viele Völker gibt, die man außerhalb des Spielens nicht wirklich auf dem Schirm hat. Einige dieser Völker weichen jedoch von diesem Prinzip dadurch ab, dass man auch heute noch ständig mit ihnen zu tun hat. Und Spanien ist eines davon. Sei es jetzt durch (mittlerweile nicht mehr ganz so) erfolgreichen Fußball, beliebte Urlaubsorte oder Identitätsprobleme in Katalonien. Insofern wäre es auch witzlos, hier künstlich Spannung aufzubauen, ob es auch heute noch Spanier gibt. Deshalb werfen wir lieber einen kurzen Blick auf die Geschichte: abgeleitet von römischen Namen der Provinz „Hispania“ entstand im 16. Jahrhundert das Königreich Spanien, in dessen Tradition heraus sich auch der heutige König, Felipe VI., einordnet. Zuvor war die iberische Halbinsel eine Ansammlung verschiedener Regionalkönigreiche, die sich erst gegen Ende des Mittelalters vereinigten. Diese regionalen Identitäten spielen auch heute noch eine große Rolle, da gerade Spanien mehrere große Gruppen hat, die sich nicht als Spaniern, sondern als Katalanen oder Basken sehen. In gewisser Weise lebt Spanien damit sein mittelalterliches Erbe fort, auch wenn diese Unabhängigkeitsbestrebungen heute (größtenteils) friedlich geführt werden.

Teutonen

Na ich hoffe doch, dass es noch viele Teutonen gibt, die gerade diesen Blogartikel lesen! Jedenfalls nach heutigem Verständnis. Lange Zeit wurden die Teutonen als „deutsche Vorfahren“ gesehen, auch aufgrund der Namensähnlichkeit. Selbst im Mittelalter wurde das Adjektiv „teutonicus“ meistens einfach immer als „deutsch“ übersetzt. Schaut man sich die Sachlage jedoch etwas differenzierter an, so stellen sich die Teutonen als germanisches Volk heraus, das wohl ursprünglich aus Jütland stammte und von dort gen Süden aufbrach. Die römischen Geschichtsschreiber berichten jedoch lange vor dem Mittelalter davor, nämlich um 100 v.Chr. Am bekanntesten dürfte aber die Überlieferung des Dichters Lucan sein, welcher allen germanischen Völkern einen „Furor Teutonicus“ zuschrieb. Womit er ihnen einen gnadenlosen Willen im Kampf zuschrieb. So viel zur Antike. Die Spur der historischen Teutonen verläuft sich danach jedoch, sodass sich die Verbindung zum Mittelalter nur durch eine Rückprojektion herstellen lässt: In diesem Fall wurde der Begriff von den Franken als Sammelbezeichnung für verschiedene germanische Stämme benutzt. Die oben erwähnte Verwendung des Adjektivs für Deutsche folgte später. Und ist dabei in der Sache nicht einmal richtig, denn „deutsch“ geht eigentlich aus dem germanischen Wort „theoda hervor, was so viel wie Volk oder Stamm bedeutet. Wirklich populär wurde der Teutone dann in der Zeit des Nationalsozialismus, indem die Überlegenheit des deutschen Volkes durch die Zugehörigkeit zur teutonischen Rasse erklärt werden sollte. Insofern sollte deutlich sein, dass mit diesem Begriff viel Unsinn in den letzten Jahrhunderten getrieben wurde und die Kluft zwischen den „historischen Teutonen“ und den „heutigen Deutschen“ relativ groß ist. Als passendes Abschlussbeispiel kann hier die teutonische Spezialeinheit, der Deutschritter, herangezogen werden: Ende des zwölften Jahrhunderts gegründet wirkte der Deutschritterorden knapp 1300 Jahre nach den historischen Teutonen. Doch aufgrund der Verwendung von „teutonicus“ als „deutsch“, wurde er dann „ordo teutonicus“ genannt, weil man es zur damaligen Zeit nicht besser wusste. Das ist wiederum ein Vorteil, den die heutigen Teutonen haben: Zu wissen, dass sie mit den historischen Teutonen wenig zu tun haben.

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Auf deviantart schuf der User „Madrigal2000“ auf humoristische Art einen Brücke zwischen den „heutigen Teutonen“ und den Deutschrittern aus Age of Empires II. Es sei aber noch erwähnt, dass dieses Meme aus dem Jahr 2014 stammt, nach der aktuellen WM hätte man dort wohl 11 Milizsoldaten aufstellen müssen…

Türken

Wer regelmäßig die Tagesschau verfolgt, dürfte wohl kaum eine Sendung verpassen, in welchen nicht über die Türkei oder über ihr Staatsoberhaupt Recep Tayyip Erdoğan gesprochen wird. Durch regelmäßige Ausfälle oder die Gefangennahme politischer Gegner ist er auch in Deutschland allgegenwärtig. Wie die Türken selbst: Durch die Gastarbeiterabkommen der sechziger Jahre zog eine große Volksgruppe an Türken nach Deutschland und machte das Land zu ihrer zweiten Heimat. Auch deshalb stellen Türken die größte „Minderheit“ in Deutschland dar. So viel erstmal zur heutigen Zeit, jetzt aber zurück ins Mittelalter: Dort reisen wir jedoch nicht nach Europa oder Vorderasien, sondern nach… China! Chinesische Chroniken des 6. Jahrhunderts n. Chr. berichten von einem großen Volksstamm, welchen sie als „T’u-küe“ bezeichnen. Dieser Name leitet sich von einem großen Clan innerhalb dieses Stammes ab. Daraus entwickelt sich schließlich die Bezeichnung der „Turkvölker“, welche alle Ethnien beinhaltet, die eine Turksprache sprechen. Auf das Gebiet der heutigen Türkei bezogen wird der Begriff selbst erstmals im 12. Jahrhundert in einer westlichen Quelle verwendet. Im 14. Jahrhundert verwenden schließlich auch arabische Quellen diesen Begriff und spätestens im 15. Jahrhundert dürften die Türken auch die Bevölkerungsmehrheit im damaligen Osmanischen Reich gestellt haben. Die Türkei selbst gründete sich als eigener Staat jedoch erst 1923. Knapp hundert Jahre später ist er hier so präsent wie selten zuvor und nicht nur beim Spielen von Age of Empieres II muss man sich die Frage stellen, wie es mit der Türkei weitergeht.

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Wohin geht der Weg der Türkei? Baut Erdogan wieder Janitscharen? Fragen über Fragen…

Vietnamesen

Bezieht man sich auf die Gründungssage des Hùng Vương I, so hätten die Vietnamesen auch gut in den ersten Teil von Age of Empires geschafft: Nach dieser vereinte der oben genannte König die ersten Völker auf der vietnamesischen Halbinsel bereits vor knapp 5000 Jahren. Das im Jahr 2879 v. Chr. beginnende Hồng Bàng-Zeitalter gilt als erstes Vorgängerreich des heutigen Vietnams. Ein durchgehendes Reich gab es aber dennoch nicht, da es aufgrund der Nähe zu China immer wieder zu Konflikten kam, in welchen sich China die Herrschaft über die vietnamesischen Völker sichern sollte. Bis im Jahr 939 n. Chr. Ngô Quyền die chinesischen Truppen besiegte und den Vietnam in die Unabhängigkeit führte. Diese sollte den Rest des Mittelalters (bis auf ein paar kleine Ausnahmen) auch bewahrt werden können. Erst zur Zeit des Kolonialismus konnte sich der Vietnam, wie auch viele andere „nicht-europäische“ Staaten, nicht mehr gegen den Kolonisierungswahn der Europäer wehren. Im 19. Jahrhundert wurde der Vietnam Teil des französischen Kolonialreiches. Unrühmliche Bekanntheit erlangte der Vietnam ein Jahrhundert später als Schauplatz des Vietnamkrieges, in welchem der Vietnam stellvertretend für den kalten Krieg Spielball der damaligen Weltmächte wurde. Heute hat sich die Lage im Vietnam etwas beruhigt, was aber viele Menschen trotzdem nicht daran hindert, in das Land zu reisen. Jedoch nicht für den Krieg, sondern für den Urlaub!

Wikinger

Huh! Huh! Wer die letzten großen Fußballturniere verfolgt hat, wird sicherlich die „Wikinger-Rufe“ der isländischen Fans bemerkt haben. Kaum ein Jubel wurde in den letzten Jahren so bekannt, wie das rhythmische Klatschen der Nordeuropäer. Doch was ist der Bezug dazu? Haben Wikinger wirklich vor einer Schlacht sich gleichmäßig „in Rage“ geklatscht, um den Gegnern das Fürchten zu lehren? Wohl eher nicht. Aber es passt perfekt in das Bild, was man sich von einem Wikinger vorstellt: Laut, wild, gefährlich. Zu unzivilisiert oder brutal möchte ich nicht übergehen, das lasse ich dann doch lieber den mittelalterlichen Historikern. Tatsächlich ist die zwischen 793 und 1066 angesiedelte Wikingerzeit vor allem durch die Raubzüge der Wikinger in den „südlichen“ Ländern Europas geprägt. Egal ob Aachen oder Paris: Kaum eine Stadt Europas konnte sich den „wilden Horden“ widersetzen. Bis es 1066 schließlich zu den Schlachten bei der Stamford Bridge (die übrigens im Norden Englands und nicht in London ist, falls Fußballfans jetzt daran denken) und Hastings kam, bei welchen die Wikinger besiegt wurden. Zwar folgte danach kein sofortiges „Verschwindern“, aber die berüchtigten Raubzüge wurden weniger und unter den aufstrebenden Königreichen Dänemarks, Schwedens oder Norwegens blieb für die Wikinger an sich auch kein Platz mehr. Somit kann man heute also ruhig über die Meere segeln, ohne Angst haben zu müssen, auf Wikinger zu treffen. Nur im Fußballstadion sollte man aufpassen…

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Huh! Island und seine Fans versetzen die Gegner bei der EM 2016 in Angst in Schrecken. Im positiven Sinne!

Fazit

Nachdem wir uns nun durch alle 31 Völker von Age of Empires II gekömpft haben, bleibt als Fazit, dass die Frage nach einem „Gibts die noch?“ nicht wirklich einheitlich beantwortet werden kann. Zwar sind viele Völker aus dem Spiel mit ihren heutigen „Nachfahren“ in Bezug auf den Namen deckungsgleich, aber trotzdem sind bspw. die Franken aus dem Mittelalter nur schwierig mit den Franken von heute zu vergleichen. Volk und Nation sind eben Begriffe der Neuzeit und machen eine Rückprojektion auf andere Epochen schwierig. Aber es war ja nicht der Sinn der Serie, dies an sich kritisch zu hinterfragen (das kommt eventuell noch einmal extra), sondern lediglich die im Spiel dargebotenen Völker auf ihre „Beständigkeit“ zu überprüfen. Dabei gibt es im Prinzip drei Grundmuster:

  1. Völker, die im Spiel genauso wie heute auftauchen (Spanier, Türken, Japaner etc.). Diese gibt es also noch.
  2. Völker, die im Spiel genauso wie heute auftauchen, aber keinen direkt nach ihnen benannten Staat haben (Berber, Khmer etc.). Auch diese gibt es noch, wenngleich ein wenig „versteckt“.
  3. Völker, die es im Spiel noch gibt, aber heute nicht mehr als eigene Volksgruppe unter uns sind (Byzantiner, Hunnen, Wikinger etc.). Hier ruht nun der „Mantel“ der Geschichte.

Age of Empires II zeigt also wunderbar auf, dass das Bild von Völkern immer im Wandel ist. Durch den Vergleich mit „noch existierenden“ und „nicht mehr existierenden“ Völkern wird dem Spieler deutlich, dass sich in den letzten 500 Jahren doch einiges getan hat. Das Grundwesen historischen Denkens! Interessant wäre es einmal, in die Zukunft zu reisen und zu schauen, ob es in 500 Jahren (sofern es da noch Videospiele gibt!) in Age of Empires 54 dann auch Deutsche gibt. Oder Europäer? Oder doch wieder Teutonen? Möglichkeiten gibt es (für die Spieleentwickler) genug. Eventuell gucke ich dann mit meinen 526 Jahren dann mal interessiert auf diesen Artikel zurück…

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2 Gedanken zu “Gibts die noch? – Age of Empires II Völker-Spezial [Teil 4]

    1. Vielen Dank, fand diese Reihe als kleines Nebenprojekt auch ganz interessant. Und da ich selbst angehender Geschichtslehrer bin, habe ich mich auch über die eine oder andere neue Erkenntnis gefreut. 😀

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