Plündern als Lebensziel? – Warum das Barbarenbild in Civilization VI nicht mehr zeitgemäß war

Als Barbar hat es sich in Civilization bisher ziemlich einfach gelebt: Man ist zufällig irgendwo auf der Spielkarte gespawnt und hat dann versucht, jede gegnerische Partei so gut es geht zu nerven. Gegnerische Einheiten bekämpfen, Modernisierungen plündern oder einfach Siedler verfolgen: die Methodenkiste der Störungen war reichlich gefüllt. Um auch genügend Zeit zum Plündern zu haben, mussten sich die Barbaren nicht mit Spielelementen wie Diplomatie oder Städtebau herumschlagen. Ihr einziger Sinn war es, zu zerstören. Wie es sich für „echte“ Barbaren eben gehört. Oder etwa nicht?

Tatsächlich greift die bisherige Darstellung der Barbaren innerhalb der Civilization-Reihe die Vorstellung des „wütenden und plündernden Barbaren“ fast 1:1 auf. Bereits seit dem ersten Teil sind die Barbaren kaum mehr als spielerisches Beiwerk, dass es dem Spielenden gerade in der Anfangsphase etwas schwieriger machen soll, sich auszubreiten. Da der erste Teil bereits im Jahr 1991 erschienen ist, kann man also durchaus festhalten: viel hat sich da nicht getan und die Barbaren in Civilization VI entsprechen immer noch dem Barbaren-Bild von 1991. Und das ist nicht mehr wirklich zeitgemäß.

Einfallen und Überfallen: selbst die spieleigene Zivilopädie bezeichnet die Barbaren nur als Bedrohung für die Spielerin, die es zu verhinden gilt.

Barbaren – mehr als nur Plünderungen?

Spätestens seit dem Erfolg der gleichnamigen Netflix-Serie Barbaren erlebt das Thema einen kleinen Boom und wird auch außerhalb der historischen Forschung wieder mehr wahrgenommen. Kaum ein antiker Schriftsteller hätte sich denken können, dass dieser zu Beginn lediglich neutral für „anderssprechende“ Völker gedachte Begriff auch in 2000 Jahren noch von Relevanz sein würde. Unsere heutige Vorstellung von Barbaren entstammt jedoch weniger der Antike, sondern vielmehr dem 18. und 19. Jahrhundert. Ganz im Sinne des Sozialdarwinismus wurden die Barbaren als „niedere Gesellschaft“ den „zivilisierten“ Völkern entgegengestellt. Das daraus entstehende Barbaren-Bild sollte für die kommenden Jahrzehnte (und Jahrhunderte!) prägend sein. Ein Barbar besitzt dieser Vorstellung nach keinen Sinn für Zivilisation. Genau dieses Bildes bedienten sich auch die Entwickler*Innen des ersten Civilization-Teils im Jahr 1991. Die Barbaren tauchten als eigenständige Fraktion im Spiel auf, die zwar den anderen Fraktionen ähnlich waren, gleichzeitig aber einen gravierenden Unterschied aufwiesen: Sie besaßen kein richtiges Ziel. Wo andere Spieler*Innen um Glaube, Wissenschaft oder Kultur wetteiferten, ging es den Barbaren nur darum, sie beim Erreichen dieser zu hindern. Einen Grund gab es für dieses Handeln nicht: hier zeigt sich, dass alleine die Identifikation mit der Bezeichnung als Begründung für dieses Handeln ausreicht: Die Barbaren verhalten sich so… weil sie Barbaren sind.

Dieser Definition folgend wurde auch in den folgenden Teilen der Civilization-Serie wenig an dieser Gameplay-Mechanik geändert. Dabei gab es einige Änderungen, die dieses klischeebeladene Bild etwas aufbrechen wollten. So konnten die Barbaren u.a. in Civilization IV auch eigene Städte gründen. Doch solche oder ähnliche Punkte blieben größtenteils Randnotizen: Am Ende musste sich die Spielerin immer überlegen, wie sie diese Störenfriede endlich loswird. Auch Civilization VI als aktuellster Teil der Serie folgte lange Zeit dem in der Serie bekannten Muster. Gerade im Vergleich zu aktuellen Darstellungen von Barbaren wird den Entwickler*Innen jedoch aufgefallen sein, dass dieses Barbaren-Bild aus den 90ern einfach nicht mehr in unsere heutige Zeit passt. Denn als im Februar 2021 ein neues Update für das Spiel angekündigt wurde (was an sich keine große Ankündigung ist, da relativ regelmäßig größere Updates kommen), wurde von Seiten der Entwickler*Innen angekündigt, dass sich mit diesem Update auch die Barbaren „verändern“ würden.

Barbaren 2.0: Der neue Barbaren-Clan-Modus im Spielmenü von Civilization VI

Barbaren 2.0 – Mehr Diplomatie wagen?

Dabei wurde auch konkret erzählt, wie genau diese Veränderungen aussehen: Barbaren sollten jetzt keine „bösen, plündernden Meuten“ sein, sondern einen eigenen Charakter bekommen. Es sollte möglich werden, mit den Barbaren zu sprechen und gewisse diplomatische Vereinbarungen mit ihnen zu treffen. Oder kurz gesagt: Aus den charakterlosen Barbaren-Zombies sollten so etwas wie… Menschen werden. Für Serien-Verhältnisse schon fast eine Revolution! Was beim Lesen erst mal selbstverständlich klingt, ist für die Serie in der Betrachtung der eigenen geschichtskulturellen Vergangenheit ein riesiger Schritt. Nachdem das Update Ende Februar erschien und der neue „Clan-Modus“ gespielt werden konnte, zeigte sich, wie konkret diese Änderungen im Spiel aussahen: So war die Spielerin zu Beginn einer Partie zwar immer noch per se mit „den Barbaren“ verfeindet, konnte aber nach dem Auffinden eines Barbarenlagers mit jenem Lager Verhandlungen führen. Jedes Barbarenlager besaß nun einen eigenen Namen (Bärenclan etc.) und ihm zugeordnete Einheiten. Mit diesen Lagern konnte man Frieden schließen, man konnte Einheiten verpflichten oder sie auf andere Gegner losschicken. Es war also erstmals in der Serie möglich, Konflikte mit Barbaren zu umgehen, ohne sie dabei gewaltsam zu besiegen. Alleine dieser Grund dürfte schon viele Spieler*Innen vor Freude jubeln haben lassen. Neben den diplomatischen Beziehungen gab es aber noch eine Änderung: Barbarenlager konnten sich von selbst zu Stadtstaaten „weiterentwickeln“, wenn man lange genug friedlich mit ihnen umgegangen ist. Dadurch gab es nun einen weiteren Grund, diese Lager nicht einfach dem Erdboden gleichzumachen, da man sich sonst für die Spätphase des Spiels einen möglichen Vorteil zunichte machte. Natürlich war dies weiterhin möglich, aber alleine die Tatsache, dass man den Barbaren die Option gegeben hat, diplomatische Vereinbarungen zu treffen, zeugt von einer differenzierteren Barbaren-Darstellung als zuvor.

Insofern ist es ein mutiger, aber auch notwendiger Schritt, der mit dem Update der Barbaren in Civilization VI gemacht wurde. Das aus den 90ern stammende Bild der plündernden und unzivilisierten Horden wurde (zumindest teilweise) aufgegeben und mit spielerisch durchaus spannenden Spielelementen erweitert. Die Möglichkeit der Kommunikation lässt die Barbaren nicht mehr als „willenlose Böse“ erscheinen, sondern als eigene Fraktion mit eigenen Interessen und (eingeschränkten) Handlungsspielräumen. Damit nähert sich das Spiel einem differenzierteren Barbaren-Begriff an, welcher in vielen anderen geschichtskulturellen Erzählungen längst angekommen ist. Gerade große Spieleserien wie Civilization, die sich offensichtlich der Geschichte bedienen, haben auch eine gewisse Verantwortung, dieses europäisch-geprägte Narrativ zwischen „zivilisierten Völkern“ auf der einen, „unzivilisierten Barbaren“ auf der anderen Seite aufzubrechen. Ein stumpfes Übernehmen von festgefahrenen Geschichtsbildern birgt immer die Gefahr, diese Bilder als „wahr“ oder „authentisch“ zu festigen. Mit dem aktuellen Update wirkt Civilization VI dieser Tendenz in Bezug auf die Barbaren entgegen. Zumindest teilweise…

Was hätten Sie denn gern? – Das neue Diplomatiemenü bietet einige (kaufbare) Handelsmöglichkeiten

Ende gut, alles gut?

So löblich und richtig diese Änderungen auch sind: der Weg zu einer wirklich differenzierten Barbaren-Darstellung ist noch ein wenig länger. Im Endeffekt folgen alle diplomatischen Entscheidungen doch dem einfachen Muster: Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt die Musik. Wer kein Geld hat, wird mit den Barbaren auch nicht verhandeln können, da dies die einzige Währung ist, die sie annehmen. Andere im Spiel durchaus vorhandene Rohstoffe (Luxuswaren, diplomatische Gunst, „Beziehungswerte“) existieren für die Barbaren nicht. Auch sind wie nach wie vor grundsätzlich feindlich eingestellt und versuchen nach wie vor, die Spielerin so gut es geht zu bedrängen.

Für die Zukunft wären auch hier Anpassungen wünschenswert, die den neu eingeführten Barbarenstämmen ggf eigene Eigenschaften geben: Während ein Stamm eher aggressiv ist, interessiert sich der andere dafür mehr am Handel. Auch den Barbaren gehörende einzigartige strategische- oder Luxusressourcen wären eine Möglichkeit, den diplomatischen Austausch mit ihnen noch interessanter zu gestalten. Insgesamt ist der aktuell eingeschlagene Weg aber eindeutig positiv zu werten: Mit dem neuen Modus erhalten die Barbaren ein Civilization eine erste Form von Persönlichkeit und bieten wesentlich mehr Möglichkeiten, als einfach zu nerven. Auch wenn ein Blick auf meine geplünderte Diamantenmine zeigt: Auch das können sie leider noch ziemlich gut.

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